Starke Bindung.
Johanna Recktenwald Vize-Weltmeisterin im Para Biathlon.

Ausdauer, Spritzigkeit, Präzision und gute Nerven sind gefragt. Eigenschaften, die Johanna Recktenwald neben einer herausragenden Trainingsdisziplin mitbringt. Die Anstrengungen haben sich gelohnt: Bei der Weltmeisterschaft im schwedischen Östersund holte die 22-Jährige Ende Januar 2023 die Silbermedaille im Para Biathlon über 12,5 km. Hinzu gesellte sich noch jeweils eine Bronzemedaille über die 10-km-Distanz und eine für den Sprint im Langlauf - der bislang größte Erfolg für Johanna Recktenwald und ihren Guide Lutz Peter Klausmann.

Autorin: Eike Birck




Para Biathlon ist echtes Teamwork. Da muss die Verbindung zwischen Athletin und Guide hundertprozentig passen – sportlich und menschlich. „Ich muss meinem Guide voll vertrauen können“, sagt Johanna Recktenwald, die mit einer genetisch bedingten Netzhauterkrankung  (Zapfen-Stäbchen-Dystrophie) im saarländischen Marpingen zur Welt kam. Während des Wettkampfs läuft der Guide vor ihr. Es erfordert viel Zeit und Training, bis sich das Team aufeinander eingespielt hat. „Er muss vom Schritt her so laufen wie ich“, so die Para Biathletin. „Wenn wir synchron laufen, ist das der Idealfall. Johanna Recktenwalds Sehstärke bewegt sich zwischen zwei und drei Prozent; sie erkennt Kontraste von Hell und Dunkel, der Rest ist verschwommen. „Wenn mein Guide vor mir läuft, sehe ich ihn ein bisschen, aber über das Hören funktioniert das für mich besser. Im Wettkampf sagt er bei jedem Schritt ,Hopp‘ und kündigt an, wenn es bergauf, bergab oder in eine Kurve geht. Mein Guide trägt ein Headset und hat einen Lautsprecher auf dem Rücken, damit er nicht so brüllen muss“, lacht die sympathische Sportlerin. Geht es ans Schießen, ist der Guide arbeitslos. Dann konzentriert sich die Silbermedaillengewinnerin darauf, über die Atmung Ruhe in den Körper zu bringen, der zuvor schon einige Kilometer Hochgeschwindigkeit in der Loipe mitmachen musste. Geschossen wird mit einem Lasergewehr. Die Athletin setzt Kopfhörer auf und legt an. Das Tonsignal verändert seine Frequenz, je näher sie dem Zentrum des im Durchmesser 21 Millimeter kleinem Ziels kommt. In Schweden bei der WM leistete sie sich lediglich einen Fehlschuss und stand am Ende gemeinsam mit ihrem Guide Lutz Peter Klausmann auf dem Treppchen, der ebenfalls eine Silbermedaille erhielt. „Wir gewinnen gemeinsam und wir verlieren gemeinsam“, bringt es Johanna Recktenwald auf den Punkt. Das Team ist selbstverständlich noch viel größer. Dazu gehören Trainer, Techniker, die die Skier vorbereiten und wachsen, Physiotherapeuten, Ärzte, Sportpsychologen und nicht zuletzt Familie und Freunde, die die Sportlerin unterstützen.  

Teil der Nationalmannschaft.

Durch ihren Sport ist sie schon viel herumgekommen: nahm an den Weltmeisterschaften in Prince George in Kanada (2019) und in Lillehammer in Norwegen (2022) teil sowie an den Weltcups in Vuokatti in Finnland (2018), Altenberg und Finsterau in Deutschland (2020), Planica in Slowenien (2021) und im vergangenen Jahr wiederum in Vuokatti in Finnland. Die Anzahl der Medaillen, die sie mit nach Hause bringt, wächst stetig. „Auch wenn man von den Ländern, abgesehen von Wettkampfstrecke, Hotel und der näheren Umgebung, nicht so viel mitbekommt, ist es ein schönes Erlebnis, Menschen aus der ganzen Welt kennenzulernen“, stellt sie fest. Seit 2019 gehört Johanna Recktenwald zum paralympischen Kader, die Paralympics in Bejing 2022 waren sicherlich einer der Höhepunkte ihrer noch jungen Karriere. Über 10 und 12,5 km belegte sie den vierten Platz.  

Da ist es schon fast ein Skisportwunder, dass sie vor gerade mal sieben Jahren das erste Mal auf Langlaufskiern stand. „Als Kind bin ich zwar mit meinen Eltern im Urlaub Ski Alpin gefahren, aber zum Langlauf hatte ich keine Berührungspunkte“, berichtet die Athletin. „Ich wurde von einer Blindenschule angesprochen, ob ich Lust hätte, beim Schulsportwettbewerb ,Jugend trainiert für Olympia und Paralympics‘ mitzumachen. Jedes Bundesland stellte dabei ein Langlaufteam. Wir haben in der Halle auf Rollen trainiert und ich stand tatsächlich einen Tag vor dem Bundesfinale in Schonach im Schwarzwald das erste Mal mit meinen Skiern auf Schnee. Da habe ich gedacht: Das ist voll cool. Und so habe ich meinen Sport gefunden.“ Da Johanna Recktenwald eine Regelschule besuchte, kam sie durch „Jugend trainiert für Olympia und Paralympics“ – das einzige inklusive Sportevent – zum ersten Mal in Kontakt mit anderen Menschen mit einer Sehbehinderung. Heute ist sie Botschafterin des Nachwuchsprogramms, dem sie viel zu verdanken hat.  

Bevor sie Langlauf und Para Biathlon für sich entdeckte, hatte die 22-Jährige schon viele andere Sportarten ausprobiert. „In Sachen Ausdauer war ich eigentlich nie die Sportlichste“, sagt sie. Bis zur Pubertät spielte die Leistungssportlerin aktiv und sehr gern Handball. „Doch in der Zeit hat sich mein Sehvermögen arg verschlechtert und ich war sehr froh, dass ich eine Chance hatte, aus meiner Behinderung etwas Positives zu machen und mir Ziele zu stecken. Das hat mir Selbstbewusstsein gegeben und mir geholfen, mit der Behinderung umzugehen.“ 

Vom Schnee auf die Straße.

Nach dem Abitur zog Johanna Recktenwald vom Saarland nach Baden-Württemberg. Sie lebt in Freiburg/Breisgau, dem Olympiastützpunkt für u. a. Para Ski Nordisch, wo sie trainiert und Gesundheitspädagogik studiert. „Ich möchte später mit Menschen arbeiten und sie unterstützen“, so die Vize-Weltmeisterin. „Das Studium umfasst Ernährung, Sport, Psychologie und eigentlich alle Aspekte, die der Gesundheitsförderung und Prävention dienen. Das interessiert mich sehr und das Studium ist ein guter Ausgleich zum Sport. Ich muss auch was für meinen Kopf tun.“ Es erfordert viel Disziplin, um Leistungssport und Studium unter einen Hut zu bringen. Johanna Recktenwald trainiert an sechs Tagen in der Woche, an manchen Tagen zwei Mal. „Ich werde das Studium nicht in der Regelstudienzeit schaffen, aber das ist völlig in Ordnung“, berichtet sie.  

Im Alltag kommt sie gut allein zurecht. „Für manches brauche ich ein bisschen länger. Zum Einkaufen wähle ich zum Beispiel Wege, die ich gut kenne, und gehe nur, wenn es hell ist. In den Läden weiß ich, wo was steht. Ich kann mir gut Dinge einprägen. Und wenn im Supermarkt mal die Regale umgeräumt wurden, habe ich kein Problem zu fragen.“

Aktuell bereitet sich die 22-Jährige auf den Weltcup vor, der allerdings nicht im Schnee, sondern auf der Straße stattfindet. Para Cycling ist ihr neues Projekt – zusammen auf dem Tandem mit einer sehenden Pilotin. „Ich bin schon immer viel Rad gefahren, das ist fester Bestandteil unseres Sommertrainings, um Beinkraft, Spritzigkeit und Schnelligkeit zu verbessern.“ In Italien nimmt sie an einem Zeitfahren und an einem Straßenrennen teil und muss dabei mit ihrer Partnerin eine Distanz von bis zu 100 km bewältigen. Die Para-Biathlon-Saison beginnt wieder im Dezember, das Training startet im Mai. „Im Sommer werden die Wintersportler gemacht“, lacht Johanna Recktenwald.

Barrieren überwinden.

Die nächsten Paralympics, die 2026 im italienischen Cortina d’Ampezzo stattfinden, hat sie fest im Visier. „Italien ist ein richtiges Wintersportland und da werden sicherlich auch viele Zuschauer aus der Heimat dabei sein.“ Die Zuschauerzahlen beim Para Biathlon oder den Paralympics sind nicht vergleichbar mit Olympischen Spielen oder Biathlon-Wettkämpfen. Dabei nimmt Biathlon in der Gunst der TV-Zuschauer bei den Wintersportarten Platz eins ein. „Ich finde es schade, dass unser Sport so wenig mediale Aufmerksamkeit bekommt“, so Johanna Recktenwald. Da ist es für die Profis nicht einfach, Unterstützung und Sponsorings zu finden. Hilfreich wäre es, wenn beispielsweise die Paralympics nicht nach den Olympischen Spielen, sondern zeitgleich stattfinden würden.

Viele Menschen haben Berührungsängste, weil sie nicht wissen, wie sie mit Menschen mit einer Behinderung umgehen sollen. Das kann Johanna Recktenwald nachvollziehen. „Ich wusste vor meinen Erfahrungen im Para Sport auch nicht, wie ich mit jemandem rede, der im Rollstuhl sitzt oder nur einen Arm hat. Da hilft es, miteinander zu sprechen, viele Fragen zu stellen, keine Hemmungen zu haben. Kommunikation ist wichtig“, betont sie. Deshalb hält sie Vorträge zum Thema „Inklusion“ und berichtet von ihrem bemerkenswerten Werdegang, um genau diese Barrieren im Kopf abzubauen.  


www.johanna-recktenwald.de