Wenn die KI-Stimme „Ihre Verbindung wird gehalten“ aus dem Telefonhörer schallt, ist man kommunikationstechnisch aufs Abstellgleis gestellt worden. Wird dann noch eine zutiefst nervige Wartemusik eingespielt, wird die Frustrationstoleranz mit jeder erneuten „Für Elise“-Schleife auf eine harte Probe gestellt. Dabei sind Verbindungen doch etwas grundlegend Positives. Ohne sie läuft nichts – weder technisch, chemisch noch auf der Beziehungsebene. Verbindungen bestimmen unser Leben.
Autorin: Eike Birck
Wenn man genauer hinschaut: Erfolge sind immer Teamarbeit. Egal ob im Sport oder bei einem Projekt im Unternehmen. Auch wenn nur ein Mensch den Platz auf dem Siegerpodest einnimmt, stehen dahinter stets viele andere, die den Weg dahin geebnet haben. Das Ganze ist eben mehr als die Summe seiner Teile, wie es das verkürzte Zitat von Aristoteles auf den Punkt bringt. Der als Begründer der abendländischen Wissenschaft geltende Philosoph beschreibt damit Synergieeffekte – das Zusammenwirken von Lebewesen, Stoffen oder Kräften zu einem gemeinsamen Nutzen. Wie kommt es aber, dass der Mensch als die kooperativste Spezies gilt? Dass nur er in der Lage ist, im Team zu arbeiten, gerecht zu teilen und anderen zu helfen. Prof. Dr. Michael Tomasello, emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, ist davon überzeugt, dass Kinder von Geburt an kooperativ und hilfsbereit sind. Im Gegensatz zu unseren nächsten Verwandten, den Menschenaffen, denen die Fähigkeit zur Zusammenarbeit weitgehend abgeht.
Der renommierte Forscher zieht diesen Schluss auf der Basis von Studien im Zoo Leipzig, wonach zwei Schimpansen nicht mehr zusammenarbeiten, sobald es daran geht, eine Belohnung zu teilen. Dann nämlich greift sich der dominante Affe alles, das untergeordnete Tier hat das Nachsehen und verweigert künftig die Mitarbeit. Bei Kindern sieht das ganz anders aus: Sie teilen sich in vergleichbaren Studien die Belohnung. Bereits bei Säuglingen sei diese Bereitschaft zum Teilen und Helfen festzustellen. Offenbar besitzt der Mensch eine angeborene Neigung zur Kooperation.
Prof. Dr. Michael Tomasello vermutet, dass die heute bei Kleinkindern sichtbaren Formen von Zusammenarbeit ein Abbild der frühesten kollektiven Aktivitäten der Menschheitsgeschichte sein könnten. Vor über 500.000 Jahren sicherte eine effektive Zusammenarbeit bei der Nahrungssuche das Überleben und gab den entscheidenden Anstoß zur Entwicklung der einzigartigen geistigen Fähigkeiten und des inneren Antriebs des Menschen. Denn der Erfolg der gemeinsamen Jagd hing von vertrauenswürdigen Partnern und einer guten Koordination untereinander ab. Jedes Gruppenmitglied erfüllte seine Aufgabe, man war aufeinander angewiesen und profitierte am Ende von der Zusammenarbeit, denn jeder erhielt einen gerechten Anteil an der Beute. In der lebensnotwendigen kooperativen Nahrungssuche sieht der Anthropologe den Ursprung vieler typisch menschlicher Verhaltensmuster: unseren Enthusiasmus beim Verfolgen gemeinsamer Ziele; unsere Bereitschaft, Wissen freimütig weiterzugeben; unseren Impuls, Notleidenden zu helfen oder unsere Neigung, Ressourcen gerecht aufzuteilen. Letztlich führte dieses kooperative Verhalten, das primär der Nahrungssicherung galt, im Verlaufe der Jahrhunderte zu Aufgabenteilung und Teamwork – die Basis für Fortschritt und Entwicklung. Dabei kommt dem Blick über den Tellerrand, der interdisziplinären Zusammenarbeit, eine entscheidende Bedeutung zu.
Jede akademische Fachdisziplin hat ihren eigenen Blick auf Verbindungen. Soziologen widmen sich u. a. Theorien darüber, was Gesellschaften in ihrem innersten zusammenhält – oder trennt –, während Psychologen auf der individuellen Ebene Beobachtungen anstellen, wie sich Menschen mit- und zueinander verhalten. Der Linguist erfreut sich an Präposition-
Nomen-Verbindungen, die Geschichtswissenschaftler suchen ständig nach Verbindungslinien in ihrem breit gefächerten Fachgebiet, während BWLer Merkmale zwischenbetrieblicher Verbindungen genauer unter die Lupe nehmen. Der Chemiker nimmt für sich in Anspruch, dass der Mensch aus ungefähr 100.000 chemischen Verbindungen besteht, die in ungefähr 1.000 Reaktionen miteinander wechselwirken. Darauf weist Prof. Dr. Armin Börner, Abteilungsleiter am Leibniz-Institut
für Katalyse, hin. Für ihn ist die Chemie der rote Faden, der alle Bereiche unseres Lebens verbindet. In seinem 2019 erschienenen Buch „Chemie – Verbindungen fürs Leben“ erklärt der Chemie-Professor allgemein verständlich die Faszination seines Fachs. Und das ganz praxisnah. Warum zum Beispiel ein blauer Fleck in allen Farben des Regenbogens schillern kann. Oder was Entscheidungen von Haftrichtern mit einem guten Frühstück zu tun haben.
Die Physik hat ganz handfeste Verbindungen im Sinn. Da geht es u. a. ums Verschrauben, Verkeilen, Verhaken, Verklemmen. Technische Verbindungen, die untrennbar verknüpft sind mit der Ingenieurskunst. Hier kommen unterschiedliche Verbindungsarten je nach Anforderung zum Tragen. Zu den drei gängigsten zählen formschlüssige, kraftschlüssige sowie stoffschlüssige Verbindungen.
Ingenieure bauen nicht nur sprichwörtliche Brücken, sondern verbinden mit ihren Bauwerken Menschen und manchmal zudem Länder. Auch im Bereich der Elektronik kommt es auf jedes einzelne Teil an, damit zum Beispiel ein Motor funktioniert. Tausende von Schräubchen sorgen dafür, dass der Motor läuft – und sicher an seinem vorgesehenen Platz bleibt. Bei der Implantation eines Defibrillators sind unterschiedliche Disziplinen am OP-Tisch beteiligt: Ärzte, Techniker und Programmierer. Ganz klar, interdisziplinäres Arbeiten ist gefragt. Nicht nur in der Wissenschaftswelt, sondern quer durch alle Branchen setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass nicht jeder sein eigenes Süppchen kocht, sondern dass das Teilen von Wissen unerlässlich für den Fortschritt ist. Netzwerke bilden dafür eine hervorragende Grundlage.
Global & regional.
Dank moderner Kommunikationsmittel können wir leicht mit Menschen weltweit in Kontakt bleiben, uns fachlich austauschen und zwischenmenschliche Beziehungen pflegen. Diese Vorteile erleichtern unser alltägliches Leben, insbesondere beruflich. Doch die Schnelligkeit der Kommunikation, insbesondere in den sozialen Medien, hat auch ihre Schattenseiten. Das Internet ist nicht nur ein Ort für Populisten, die gezielt Unwahrheiten verbreiten, sondern auch ein Ventil für unzufriedene Menschen, die unreflektiert Hassbotschaften verbreiten. Selbst bei Kommentaren auf Wetterseiten finden sich Anfeindungen und Beleidigungen. Es wäre vielleicht hilfreich, wenn Nutzer nicht sofort den „Senden“-Button drücken könnten, sondern gezwungen wären, ihre Nachrichten vor dem Veröffentlichen noch einmal in Ruhe zu überdenken. Dadurch würden eventuell einige unüberlegte Beiträge vermieden werden. Auf der anderen Seite ist das Internet auch ein großartiger Ort, um auf Missstände aufmerksam zu machen, Petitionen zu starten, Spenden zu sammeln und Freiwillige zur Unterstützung von Bedürftigen zusammenzubringen. Es ermöglicht uns, Verbindungen zu schaffen und gemeinsam Gutes zu tun.
Die virtuelle Kommunikation führt jedoch dazu, dass der Austausch oberflächlicher wird. Unsere PCs und Handys machen Vorschläge zur Wortwahl und vervollständigen Sätze automatisch, was zu Missverständnissen und Streitigkeiten führen kann. Deshalb sind persönliche Gespräche oder Telefonate oft effektiver als E-Mails, WhatsApp und Co. Die Corona-Pandemie hat uns gezeigt, dass es Grenzen der virtuellen Kommunikation gibt. Als soziale Wesen brauchen wir die direkte Interaktion, da Vertrauen selten am Bildschirm entsteht. Echte Verbindungen entstehen durch Nähe und Menschen, die dies leben.