Zusammenhalt.
Handle with care.

Es gibt vieles, was unsere Gesellschaft verbindet, zusammenhält und zusammenschweißt. Doch es gibt auch genug Konflikte, die uns spalten, trennen und auseinandertreiben. Mit Prof. Dr. Andreas Zick vom Institut für Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) an der Universität Bielefeld haben wir den Blick auf das Thema Zusammenhalt gerichtet. Denn die Frage ist doch, wer oder was hält unsere Gesellschaft zusammen, welche Mechanismen greifen und welche Wirkungen entfalten sie?

Autorin: Corinna Bokermann

Was hält unsere Gesellschaft zusammen?

Andreas Zick: Inklusion und Kohäsion sind die Bindekräfte, die Zusammenhalt erzeugen. Wir brauchen in unserer Demokratie Zusammenhalt und die Aushandlung von Konflikten, um sie stabil zu halten. Teilhabe und Bindung sind dafür wesentliche Faktoren. Nichtteilhabe ist dagegen der Schritt von der Demokratie weg. Wenn Menschen Bindung verlieren, weil sie diskriminiert werden, oder weil sie sich von der Gesellschaft verabschieden, ist das die größte Gefahr für die Demokratie. Die „Mitte Studie“ 2020/21, die von der Friedrich-Ebert-Stiftung gefördert wird und alle zwei Jahre rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen repräsentativ für die deutsche Gesellschaft untersucht, kam zu dem Ergebnis, dass Bürger und Bürgerinnen, die den Zusammenhalt des Landes gefährdet sehen, stärker Vorurteile gegen Minderheiten haben und antidemokratischen Einstellungen signifikant stärker zustimmen. Sie stehen für ein exklusives Konzept von Zusammenhalt, das den Grundprinzipien von Demokratie widerspricht.

Zusammenhalt ist also eine fragile Angelegenheit?

Andreas Zick: Es gibt nicht DEN Zusammenhalt. In modernen Demokratien – und damit auch in unseren Stadtgesellschaften – muss dieser Zusammenhalt immer wieder ausgehandelt werden. Manchmal kippt er in Richtung Exklusion, also Ausschluss aus dem Zusammenhalt, mal in Richtung Inklusion. Und so kann Zusammenhalt durchaus auch den gesellschaftlichen Frieden gefährden. Das passiert immer dann, wenn er in einem exklusiven Sinne verstanden wird, also die einen den Zusammenhalt ohne die anderen verstehen. Das spiegelt sich dann zum Beispiel in Vorstellungen von Minderwertigkeiten von anderen, äußert sich in gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, also Vorurteilen und Herabwürdigungen derjenigen, die angeblich nicht dazugehören. Es zeigt sich auch in Rechtsextremismus wie Rechtspopulismus, der gesellschaftlichen Zusammenhalt als nationalen Zusammenhalt versteht. Ist Zusammenhalt dagegen konstruktiv, stärkt er Gesellschaften zum Beispiel durch die Inklusion gesellschaftlich verdrängter Gruppen in Lebensbereichen und Institutionen wie Schule und Gesundheit sowie Institutionen der politischen Partizipation.  

Was braucht es, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern? 

Andreas Zick: Vertrauen ist ein erster wichtiger Baustein, um Bindekraft zu fördern. Misstrauen wirkt als zentrifugale Kraft dagegen. Die Auswirkungen von Krisen – von Corona über die Klimakrise bis hin zum Ukraine-Krieg –, dies belegen Studien, führen zu einem hohen Ausmaß an Misstrauen gegenüber demokratischen Institutionen. Eine zweite, wesentliche Bindekraft ist Gemeinschaft. Sie wird in Stadtgemeinschaften gelebt, indem viele Gruppen über Institutionen und Vereine eingebunden werden. Separation und damit die Ausbildung von Parallelgesellschaften gefährden dagegen die Bildung von Gemeinschaft. Das spiegelt sich zum Beispiel in dem Gefühl von Menschen, die sich als Bürger und Bürgerinnen zweiter Klasse empfinden. Gruppen, die sich so fühlen, sind anfällig, Integration durch die Herabwürdigung anderer zu erfahren. Eine dritte Kraft sind Kontakte und Begegnungen. Sie braucht es, um Beziehungen zu- und miteinander aufzubauen. In Städten sind es innerstädtische Räume, die gemeinsam Stadt erleb- und erfahrbar machen und Begegnungen unterschiedlicher Gruppen und Generationen ermöglichen. Dazu dienen beispielsweise auch Stadtfeste. Doch es gibt Gruppen, die den Anschluss verlieren. Die einen, weil sie nicht die Möglichkeit haben, in Kontakt zu treten, wie ältere Menschen oder Menschen mit Beeinträchtigungen. In der Coronapandemie ist auch der Anteil einsamer Menschen gestiegen. Andere gehen ganz bewusst auf Distanz – auch zum Staat. Reichsbürger sind ein extremes Beispiel dafür, wie weit sich Gruppen distanzieren können. Das ist eine Herausforderung für die Gesellschaft, auch weil sich Milieus bilden können, die den Staat angreifen und Menschen aus der Mitte herausholen.

Welche Faktoren spielen noch eine Rolle, um Menschen zu verbinden?

Andreas Zick: Teilhabe ist das gesellschaftlich wohl maßgeblichste Kriterium, um den Zusammenhalt einer Gesellschaft zu stärken. Das weiß auch die Politik, die Integration durch Teilhabe steuern kann. Ein fünftes, sozialpsychologisch wichtiges Kriterium ist das Zusammengehörigkeitsgefühl. Wenn Gruppen dies nicht erfahren, schwächt es den Zusammenhalt. Die Frage „Wer ist eigentlich Bielefelder*in? Nur wer hier geboren ist oder auch Eingereiste, Eingewanderte oder Geflüchtete?“ macht bereits deutlich, dass eine Klassifizierung nicht dazu beiträgt, sich einer Gesellschaft zugehörig zu fühlen. Sich mit einer Gesellschaft, einer Stadt identifizieren zu können, dagegen sehr wohl. Die Aussage „Bielefeld, das bin ich“ erfüllt diesen identitätsstiftenden Anspruch. Es gibt jedoch Gruppen, die Missachtung erfahren und nicht als solche wahrgenommen werden. Diese Nichtanerkennung von Identitäten schwächt auch den Zusammenhalt und damit die Gesellschaft. Vor allem zeigen alle Fälle von Gewalt, wo Solidarität nie gegeben war. Und Populismus, wo Bindekräfte fehlen. 
In Bielefeld steht demnächst ein Integrationsmonitoring an, bei dem Erfahrungen, Erleben, Zusammenhalt und Möglichkeiten neu vermessen werden. Geplant ist ein kommunales Integrationszentrum, wo wissenschaftlich erfasst werden soll, welche Gruppen welchen Zusammenhalt erfahren.

Entwickelt sich unsere Gesellschaft in Sachen Zusammenhalt weiter?

Andreas Zick: Die Idee, dass sich eine demokratische Zivilgesellschaft kontinuierlich entwickelt, und zwar auf Grundlage einer sozialen Kohäsion, dem sozialen Klebstoff, ist zugleich Ziel wie Idealvorstellung. Es geht darum, die Qualität zu verbessern. Vorurteilsmuster bringen uns jedenfalls nicht auf den Weg zum Zusammenhalt. Dazu braucht es neben bestimmten Rechten, Solidarität und Strukturen, Würde, Wege und Anerkennung, um Gerechtigkeit zu erfahren und Unterstützung zu erhalten. Man muss sich nicht lieben, um Zusammenhalt zu beweisen. Es geht vielmehr darum, sich gut reiben zu können. Das macht die Qualität von Zusammenhalt aus. Die vielen Krisen, die derzeit miteinander einhergehen, schwächen den Zusammenhalt und führen zu Ausgrenzungen. Darauf weisen viele Studien hin.  

Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung

Das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) wurde 1996 in Bielefeld mit dem Ziel gegründet, eine Lücke in der interdisziplinären Konflikt- und Gewaltforschung zu schließen. In Bielefeld richtet das IKG den Fokus gezielt auf Projekte, die untersuchen, wo Konflikte den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken oder gefährden. Mittlerweile ist das Institut – geleitet wird es seit 2013 von Prof. Dr. Andreas Zick, der dort seit 2008 arbeitet – eine der führenden deutschen Forschungseinrichtungen in diesem Bereich. Es gehört zu einem von elf Standorten des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ). 2020 gegründet, erforscht das FGZ in 83 Forschungs- und Transferprojekten Verständnis und Formen gesellschaftlichen Zusammenhalts. Und analysiert Faktoren, die ihn befördern, stabilisieren oder erschüttern.

www.uni-bielefeld.de/zwe/ikg/
www.fgz-risc.de