Sie überwinden Gewässer und verbinden Ufer. Und übernehmen damit wichtige Funktionen. Denn als Verkehrswege sind Brücken immer auch strategische, wirtschaftliche und ökonomische Nahtstellen. Vor allem aber verbinden sie Menschen. So wie die Schillerbrücke in Herford. Sie ist historisch gewachsen und schlägt wortwörtlich über die Aa hinweg eine Brücke zwischen zwei Stadtteilen. Nach zwei Jahren Bauzeit erstrahlt sie im neuen Glanz.
Autorin: Corinna Bokermann
Am Schillerplatz/Wilhelmsplatz dient die neue Schillerbrücke als direkte Verbindung ins historische Zentrum Herfords rund um den Münsterkirchplatz. In entgegengesetzter Richtung führt der Weg ins MARTa-Viertel zum gleichnamigen Museum für zeitgenössische Kunst, geplant von Architekt Frank Gehry. „Innerstädtisches Planen und Bauen bringt ganz eigene Qualitäten und Herausforderungen mit sich. Jedes Bauwerk ist individuell und spannend, denn es gibt immer neue Randbedingungen und Vorgaben“, stellt Janine Hohmuth mit Blick auf die Schillerbrücke fest, die die Aa überspannt, etwas später in die Werre mündet und ein wichtiger Knotenpunkt ist. Die Bauingenieurin hatte die Projektleitung für den Neubau der Schillerbrücke inne und übernahm während der gesamten Zeit die interne wie externe Kommunikation für das Projekt, das von der Planung bis zur Umsetzung das Zusammenspiel vieler Beteiligte brauchte.
„Es gab einen Masterplan für die Umgestaltung des Areals vom MARTa Museum über die Schillerstraße und den Wall bis in die Innenstadt Herfords“, erzählt die 36-Jährige. „Die Schillerbrücke besitzt an dieser Stelle eine wichtige anbindende Funktion.“ Projektbeginn war Anfang 2016. Nach zwei Jahren Planung ging es 2018 in die Umsetzung. „Und dann sind wir mit den Baumaßnahmen direkt nach der Anfangsphase in die Corona-Pandemie hineingerutscht“, erinnert sich Janine Hohmuth, die seit 16 Jahren bei Bockermann Fritze IngenieurConsult arbeitet. Nach der Ausbildung zur Bauzeichnerin studierte sie in Detmold Bauingenieurwesen und arbeitete studienbegleitend im Unternehmen weiter. „Das fand ich persönlich super. Ein Studium ist ja sehr theoretisch, da war es hilfreich, unkompliziert Fragen stellen zu können. Das Schöne: Man wird hier nicht allein gelassen“, fasst sie ihre Erfahrungen zusammen.
Und so floss auch in die Planung der neuen Schillerbrücke in Herford das geballte Know-how des Bockermann Fritze Teams ein. Der zentrale innerstädtische Platz, an dem die Schillerbrücke die Aa überspannt, stellte an die Planenden der Bockermann Fritze IngenieurConsult zahlreiche Anforderungen. Zum einen ergaben sich diese aus der engen Bebauung des Areals. Viele Versorgungsleitungen, die bis dato über die alte Brücke geführt wurden, konnten für die Neuerrichtung nicht gekappt werden. „Daher gab es eine Behelfsbrücke, um die Versorgungsleitungen für Wasser, Gas, Strom und Telekommunikation umzuverlegen und gleichzeitig die Wegeverbindung zu gewährleisten. Schließlich mussten auch die Zufahrten während des gesamten Bauprozesses freigehalten werden. „Eine Herausforderung lag darin, die Vielzahl der Versorger zu koordinieren, die Leitungen umzulegen und für den Endzustand zeitgleich in die neue Konstruktion zu integrieren“, erklärt Janine Hohmuth. „Erschwerend kam hinzu, dass parallel zum Neubau der Schillerbrücke ein angrenzendes Gebäude umgebaut wurde.
„Auch hier war viel Kommunikation und Abstimmung notwendig“, erinnert sich die Projektleiterin mit Blick auf den Abtransport oder die Anlieferung von Baumaterialien mit durchaus bemerkenswerten Ausmaßen. So wurden die 5 vorgefertigten jeweils 23 Meter langen Stahlträger für die Schillerbrücke in einem Stück angeliefert und mussten mit Hilfe eines großen Krans eingehoben werden. „Das war schon spektakulär“, erinnert sich die Fachbereichsleiterin Konstruktiver Ingenieurbau.
Heute quert die neue Schillerbrücke als einfeldriges integrales Bauwerk das Gewässer. Mit einer Stützweite von 22,50 Meter – und damit etwas größer als die ursprüngliche Brücke. „Das liegt daran, dass sich die neuen Widerlager der Brücke hinter den alten befinden. Dadurch haben wir den Querschnitt für die Aa verbreitert. Gleichzeitig schützen die nicht vollständig entfernten alten Widerlager die neue Konstruktion“, so Janine Hohmuth. Die Bohrpfähle von 90 Zentimeter Durchmesser sind 9 Meter tief im Erdreich verankert, um die Lasten, die durch die Brücke selbst und deren Belastung anfallen, in den Baugrund abzutragen.
Die lichte Höhe unterhalb der Brücke – sie ist ca. 4 Meter hoch – richtet sich wiederum nach dem Wasserspiegel beziehungsweise den möglichen Hochwasserszenarien. Die Konstruktionshöhe wurde durch entsprechende statische Berechnungen ermittelt und in der Planung berücksichtigt. Und so ist die Konstruktion der neuen Schillerbrücke – ein Stahlverbundüberbau mit fünf Stahlträgern – so ausgelegt, dass sie kommenden Hochwassern standhält und es mit den enormen Kräften des Wassers aufnehmen kann. „Selbst bei einem 100jährigen Hochwasserszenario, bei dem der gesamte Bereich und damit auch die Brücke geflutet würde, bliebe die Brücke selbst unbeschadet“, erklärt Janine Hohmuth.
Neben den konstruktiven Komponenten spielen natürlich die gestalterischen eine wesentliche Rolle. „Die neue Schillerbrücke soll schließlich dem städtebaulichen Anspruch des Areals gerecht werden“, sagt Janine Hohmuth. Und so ergänzt ein seitlich angehängter Balkon – der sogenannte „Schillerbalkon“, der ebenfalls in einem Stück eingehoben wurde – mit seinen Sitz- und Verweilmöglichkeiten die Brückenkonstruktion. Akzente setzen neben der geschwungenen Bank mit einer Sitzfläche aus Holz die horizontalen Füllstäbe am Geländer und die im Handlauf integrierte Beleuchtung, die abends die Wegführung unterstützt. „Das Stahlblech mit dem Schriftzug ‚Schillerbalkon‘ im Geländer ist ebenso wie die etwas nach vorn geneigten Pfosten des Geländers sowohl gestaltendes Element als auch Übersteigschutz“, weist die Projektleiterin auf die Doppelfunktion hin. Gleiches gilt für das Gitterrost des Schillerbalkons. „Wenn man auf ihm steht, ergeben sich interessante Sichtachsen in das darunter fließende Gewässer, gleichzeitig fließt Regen problemlos ab. Es ist wirklich ein schönes Gefühl, das fertige Bauwerk in seiner Umgebung zu sehen und es vom ersten Strich auf dem Bildschirm begleitet zu haben“, resümiert Janine Hohmuth. „Und es fügt sich als Bauwerk, da auch die Pflasterung zum Gesamtkonzept gehört, nahtlos ein und geht in den angrenzenden Wilhelmsplatz fließend über.“
Im Bogen über die Aa.
Zu ihrem heutigen Namen kam die Herforder Schillerbrücke erst 1905 und zwar durch die Errichtung des Schillerdenkmals in unmittelbarer Nähe. Sie überquert auf dem letzten Abschnitt bis zur Mündung der Aa in die Werre an der Schillerstraße die Aa. „Zuvor hieß sie Bügelbrücke“, erklärt Mathias Polster*, der als Bauforscher zur Datierung historischer Gebäude arbeitet und sich als Buchautor, Referent und als Gästeführer in Herford einen Namen gemacht hat.
Die erste Bügelbrücke über den Herforder Stadtgraben entstand 1873, um den Stadtteil Am Bügel und An der Vogelkämpe in Herford ausbauen zu können. Nur wenige Jahre später, ab 1878, baute man schließlich die zweite Bügelbrücke, die heutige Schillerbrücke. Seitdem verbindet sie die Innenstadt Richtung Bahnhof und bindet die Goebenstraße über Kurfürstenstraße und Arndtstraße an. „Dadurch wurde die Schillerbrücke zum Weg in die Stadt“, sagt der 64-jährige Bauhistoriker. „Wenn man aus historischer Sicht auf die Entstehung von Brücken blickt, stößt jeder Verkehrsweg auf dem Land irgendwann auf ein Hindernis, sei es ein Gewässer oder ein Höhenzug, den es zu überwinden gilt. Darauf gründet sich auch die Entstehung Herfords.“
Die besondere Verkehrsstruktur – eine gute Ost-West-Verbindung – forcierte die Entwicklung der späteren Hansestadt. Allerdings mussten schon damals zwei Flüsse gequert werden. Die Weser und/oder die Aa beziehungsweise die Werre. Da man in Herford die Gewässer gut mittels Furt passieren konnte, entstanden drei Höfe. „Diese übernahmen die Wartung der Furten. Das war mühselig, da bei Hochwasser immer wieder Lösböden eingespült wurden, die die Furt blockierten“, erzählt Mathias Polster. Anfang des 13. Jahrhunderts entstanden in Herford dann erste Holzbrücken, um die Gewässer zu überwinden. Erst viel später ersetzte man diese durch Steinbrücken. Ein Prozess, der sich bis ins 19. Jahrhundert zog. Allerdings waren viele Brücken, wie die Schillerbrücke, immer wieder durch Hochwasser in Gefahr. So soll schon bei früheren Hochwässern – wie in der Silvester-Nacht 1925 – das Wasser über die Brücke hinweggeströmt sein.
Da die Schillerbrücke Ende 1930 bei einem Hochwasser schwer beschädigt wurde, folgte 1930/31 ein Neubau, verbunden mit einer Verbreiterung. Die neue Brücke hatte eine Gesamtbreite von 14,20 Meter, davon entfielen 9 Meter auf die Fahrbahn. „Vorher hatte das gesamte Bauwerk nur eine Breite von 8,60 Meter zwischen den Geländern“, so Mathias Polster. Auch die Kurve auf der Altstadtseite wurde erheblich abgeschwächt. Im Laufe der Zeit wurde die Brücke mehrfach saniert und 1970 nochmals verbreitert. Durch Schäden war die Schillerbrücke seit 2011 allerdings nur noch einspurig befahrbar. Im Juni 2019 wurde sie abgebrochen. Seit Dezember 2020 ist die Brücke wieder freigegeben.