Ankleben, aufkleben, zusammenkleben, festkleben, kleben bleiben, verkleben. Die Möglichkeiten auszudrücken, dass ein Material an oder auf einem anderen haftet, sind groß. Mindestens ebenso breit und vielfältig ist der Einsatz von Klebstoffen im weitesten Sinne auch beim Hausbau. Damit ein Gebäude zusammen- und dicht hält wird quer durch fast alle Gewerke geklebt, geleimt, gekleistert, abgedichtet und verfugt. „Wenn man genauer hinschaut, ist es schon erstaunlich, in wie vielen Bereichen geklebt wird“, unterstreicht Jesse Streeter.
Autorin: Stefanie Gomoll
Der Bauleiter bei BF DesignHaus hat sich mit seiner Kollegin Birte Niehaus zusammengesetzt, um der Spur der verschiedensten Arten von Verbindungen beim Hausbau zu folgen. „Das fängt schon beim Rohbau an“, weiß die Bauzeichnerin. „Heutzutage kommt kein Mörtel mehr zum Einsatz, sondern Kleber. Wir bauen mit großen Kalksandsteinblöcken, die durch eine dünne Klebeschicht verbunden werden. Die Steine sind beschriftet und müssen nach Plan aufeinandergesetzt werden.“ Das hat gleich zwei große Vorteile. „Der Baufortschritt wird beschleunigt und die Gesamtbauzeiten dadurch verkürzt, und gleichzeitig ist eine hohe Maßgenauigkeit möglich“, erklärt Jesse Streeter.
Wenn der Rohbau steht, folgt das Dach – und damit einer der wenigen Bereiche, bei denen nur wenig Kleber zum Einsatz kommt. Eine Ausnahme sind Flachdächer. Hier braucht es Schweißbahnen für die Dachdeckung zur Abdichtung gegen Feuchtigkeit und Nässe. „Das ist natürlich im klassischen Sinne kein Kleber“, schränkt der Bauleiter ein. „Welches Material verwendet wird, hängt immer vom Ziel ab: Geht es um Zusammenhalt und Verbund oder darum, dass etwas luft- oder wasserdicht sein soll?“ So kommen etwa im Duschbereich Abdichtungen ins Spiel, damit die Feuchtigkeit nicht durchdringen kann.
Im Innenausbau soll aber auch einiges schlichtweg halten. Zum Beispiel der Innenputz. „Der Dickputz, den wir verwenden, wird heute auf die Wand gespritzt“, erklärt Birte Niehaus. „Das geht schneller, als den Putz von Hand aufzutragen.“ Ganz klassisch geklebt werden dagegen Wand- und Bodenfliesen. Auch andere Bodenbeläge wie Parkett, Laminat, Vinyl oder Teppichböden können geklebt werden. Und Tapetenkleister haben neben Profis auch schon so manche Laien angerührt.
Neben dem Zusammenhalt ist wie bereits erwähnt das Dichthalten ein zentraler Aspekt beim Bauen, der laut Jesse Streeter dennoch oft unterschätzt wird. „Mit der Luftdurchlässigkeitsmessung, auch als Blower-Door-Messung bekannt, prüfen wir die Häuser auf Luftdichtigkeit“, erklärt seine Kollegin. So wird festgestellt, wo durch Undichtigkeiten eventuell Kälte ins Gebäude eindringen, bzw. Heizungswärme hinausgelangen kann. Beides weitestgehend zu verhindern, ist in Zeiten des Klimawandels und steigender Energiepreise ein absolutes Muss. Und hier kommt tatsächlich noch einmal Klebstoff ins Spiel, denn die unverzichtbare Wärmedämmung wird auf die Fassade, Fenster in die Leibung und Dampfsperrfolie auf Giebelmauerwerk geklebt.
Ob Sekundenkleber, Klebestift oder transparentes Klebeband: Wohl in jedem Haushalt findet sich eine ganze Ansammlung diverser Klebstoffe. Noch deutlich ausdifferenzierter ist deren Verwendung in unterschiedlichsten Industriezweigen. Laut Wikipedia werden in Deutschland jährlich ca. 1,5 Millionen Tonnen Kleb-, Dicht- und zementäre Bauklebstoffe sowie 1 Milliarde Quadratmeter trägergebundene Klebstoffe (Klebebänder/Klebefolien) produziert und damit ein Gesamtbranchenumsatz von 3,7 Milliarden Euro erzielt. Klebstoffe sind aus dem alltäglichen Leben nicht mehr wegzudenken.
Zugleich ist das Kleben eine der ältesten Kulturtechniken der Menschheit. Die Forschung geht davon aus, dass bereits die Neandertaler Birkenpech verwendeten, um Stein und Holz ihrer Waffen und Werkzeuge miteinander zu verbinden. Bei den alten Ägyptern kamen ebenso wie bei den Azteken tierische Leime zum Einsatz.
Die Bedeutung von Klebstoff wächst um 1500 mit der Erfindung des Buchdrucks. Und seit der Industrialisierung häufen sich wichtige Erfindungen. So entwickelt 1888 der Hannoveraner Malermeister Ferdinand Sichel den ersten gebrauchsfertigen Tapetenkleister. 1932 gelingt dem Apotheker August Fischer die Entwicklung des ersten gebrauchsfertigen, glasklaren Kunstharz-Klebstoffes der Welt: UHU. 1909 beginnt das Zeitalter der Klebstoffe auf Basis synthetisch hergestellter Rohstoffe, als der Chemiker Leo Hendrik Baekeland ein Verfahren zur Phenolharz-Härtung zum Patent anmeldet. 1914 lassen die Chemiker Victor Rollett und Fritz Klatte Polyvinylacetat patentieren, den bis heute für die Klebstoffherstellung meistverwendeten synthetischen Rohstoff. 1956 bringt Henkel das erste Pattex-Produkt auf den Markt. 1960 beginnt die industrielle Produktion von Klebstoffen für die Metall- und Plastikbearbeitung. Anfang der 2000er- Jahre stellen weltweit über 1.500 Unternehmen rund 30.000 verschiedene Klebstoffe her.