Was ist dran an den Stereotypen über die Gen Z? Wie tickt die Generation der Post-Millennials, was sind ihre Werte, welche Vorstellung hat sie vom Leben, der Arbeit und welchen Plan für die Zukunft – Gen Z-Experte und Keynote-Speaker Felix Behm gibt einen Einblick.
Autorin: Corinna Bokermann
Fotos: © foto woehrstein singen
(lacht) Nicht immer! Da habe ich mich – wo es passt – der Gen Z angepasst und mache manchmal einfach. Das heißt, ich presche dann vor und probiere Dinge aus. In aller Regel geht das auf. Und wenn Pläne aufgehen und funktionieren, ist das natürlich noch mal besser, weil auch ich mich dann richtig reinhänge.
Ich glaube, viele Gen Zler entwickeln im Laufe ihres Lebens einen Plan, aber wesentlich später als wir. Das hat seine Gründe. Denn die Post-Millennials können mit Blick auf Ausbildung, Studium und Arbeitswelt sehr flexibel agieren. Sie sind deutlich weniger als ihre Elterngeneration, die Angehörigen der Generation X, und zählen damit zur kleinsten Alterskohorte nach dem Zweiten Weltkrieg. Und während in den kommenden Jahren gerade mal rund elf Millionen junge Menschen auf den Arbeitsmarkt kommen, gehen fast doppelt so viele in Rente. Der Arbeitgebermarkt wandelt sich und ist schon jetzt immer mehr ein Arbeitnehmermarkt. Das betrifft zunächst alle Generationen, im Hinblick auf junge Talente allerdings speziell die Generation Z. Und so ist es für sie aufgrund dieser Gegebenheiten kein Problem, flexibel zu switchen und zu wechseln. Dies führt dazu, dass wir meinen, die Jugendlichen seien planlos. Diese Haltung spiegelt sich auch in anderen Bereichen.
Studierende der Gen Z informieren sich heute relativ wenig darüber, was sie studieren. Das machen sie aber immer mit dem Gedanken: Im Zweifel mache ich etwas anderes. Das konnten wir früher nicht, denn wir brauchten Geld, konnten es uns nicht leisten, einen krummen Lebenslauf zu haben. Natürlich kann man drüber streiten, ob das gut oder schlecht ist. Denn es schadet sicherlich nicht, sich zu informieren. Nicht zuletzt angesichts der großen Auswahl an Möglichkeiten. Schließlich gibt es rund 320 Ausbildungsberufe und auch die Vielfalt an Studiengängen ist enorm. Hinzu kommt: Nicht nur in puncto Ausbildung und Studium ist das Angebot umfangreich – auch in anderen Lebensbereichen ist die Fülle an (Auswahl-)Möglichkeiten gewachsen. Das kann überfordern und war früher auf alle Fälle noch komplett anders.
Diese Generation tickt anders als gedacht. Mein Buch trägt nicht umsonst diesen Titel (lacht). Die Gen Z hat ein komplett anderes Mindset. Lebt in einer Welt, die wir uns noch nicht erschlossen haben: nämlich vollständig digital. Die Zahlen schwanken zwischen sechs und acht Stunden täglich. Wenn Sie bedenken, dass Kinder bereits im Schnitt mit elf oder zwölf Jahren ein Smartphone bekommen und das bis zum 18. Lebensjahr im Schnitt täglich sechs Stunden nutzen, lässt sich erahnen, dass das eine enorm prägende Erfahrung ist.
Von vielem, was sie nutzen, haben wir gehört, aber werden es selbst nie anwenden. Es ist die erste vollkommen digital aufgewachsene Generation, die unzählige digitale Quellen als Informationsgeber nutzt. Mit dem Ergebnis, dass die Gen Z flexibler handelt und kritisch hinterfragender ist. Wenn Lehrende oder Ausbildende etwas sagen, checkt diese Generation dies. Das bedeutet, dass diese Generation nicht mehr so handelbar ist wie vorherige. Es empfiehlt sich daher, sich mit dem, was sie beschäftigt, auseinanderzusetzen. Also dort unterwegs zu sein, wo sie gucken. Nur so kann man erfahren, wie sie ticken. Das ist eine nicht immer einfache Welt …
Wir haben es schon angeschnitten. Es sind drei Schlagworte, die ich für wesentlich halte, um sie zu beschreiben: digital, flexibel und kritisch hinterfragend. Dabei besitzt das Digitale einen enormen Impact. Gen Zler sind die erste vollständig digital aufgewachsene Generation. Aber auch das Flexible, die Fähigkeit, beim Wechsel des Arbeitsplatzes schnell Veränderungen zuzulassen, ist aus meiner Sicht ein wichtiges Attribut. Denn die Gen Z ist so, weil sie es sich leisten kann – da braucht es, wie erwähnt, nur einen Blick auf den demografischen Wandel. Es gibt zu wenige von ihnen.
Als Mitarbeitende ebenso wie als Kundinnen und Kunden, die es auch mithilfe von Rabatten zu gewinnen gilt. Wir brauchen Fachkräfte. Es fehlen schon Zehntausende. Unternehmen kämpfen bereits mit Tricks. Da denkt man als 20-Jähriger sicher schon einmal: „Wenn’s nicht passt, dann geh ich eben wieder.“
Nicht nur die Arbeitswelt bewegt sich schneller. Neue Nachrichten verbreiten sich durch soziale Medien im rasanten Tempo. Die Gen Z ist es gewohnt, sich bei Bedarf Informationen schnell aus dem Netz zu ziehen, hat gelernt Dinge kritisch zu hinterfragen und natürlich auch etwas zu bewegen. Ein Beispiel dafür ist Fridays for Future – eine Bewegung, die auch dank sozialer Medien so schlagkräftig werden konnte. Die Geschwindigkeit, mit der sie online unterwegs ist, ist enorm. 24-Stunden-Stories auf Insta, Snapchat & Co. stehen stellvertretend dafür. Gleichzeitig bringt die Informationsflut auch andere Aspekte mit sich: Die Aufmerksamkeitsspanne der Gen Zler ist niedriger. Doch die Lehrerin oder den Lehrer, der vor der Klasse steht, kann man natürlich nicht so einfach wegwischen wie die Story auf Insta & Co.
Dazu zählen einige äußere Einflüsse der letzten Jahre, die sich auswirken. Das sind zum einen große Themen wie Nachhaltigkeit, Umwelt und Klima, die jetzt jedoch abgelöst wurden durch den Krieg in Europa. Die Angst vor dem Krieg, der gar nicht weit entfernt stattfindet, ist da. Und dann gibt es noch die Spätfolgen der Corona-Pandemie: Es gab noch nie so viele psychisch kranke junge Menschen. Aber auch die unsichere wirtschaftliche Lage in Kombination mit der Inflation sind Herausforderungen, mit denen die Gen Z konfrontiert ist. Zusammenfassend kann man sagen: Viele dieser Themen sind in kurzer Zeit in unheimlicher Tiefe und Kraft aufgetreten, sodass man nicht weiß, ob sich trotz dieser Herausforderungen eine starke Generation entwickeln kann. Es besteht also eine große Zukunftsunsicherheit.
Es sind vor allem zwei Werte. Allen voran der Wunsch nach Freiheit. Sie beschert die Flexibilität, sich individuell engagieren zu können, wie bei Fridays for Future, oder eigene Wünsche und Projekte umzusetzen. Das Spektrum reicht von der Weltreise bis hin zur Gründung eines eigenen Channels oder Online-Shops. Der zweite Wert sind Freunde und Familie, mit denen die Gen Zler – fernab der Digitalisierung – Zeit verbringen wollen. Vor allem ist ihr Verständnis von „Arbeit“ anders. Sie wollen nicht um jeden Preis einen Managerposten mit einer 60-Stunden-Woche. Wichtiger ist es der Gen Z in einem Unternehmen zu arbeiten, das nachhaltig agiert. Arbeitszeit und Gehalt müssen am Ende zwar stimmen, aber überlagert wird dies von der Frage nach der Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns. „What’s in for me?“ – der Purpose ist für Gen Zler entscheidend. Auch hier wird wieder deutlich: Die junge Generation hinterfragt kritisch, auch beim Job. Sinnhaftigkeit und Abwechslung sind gewünscht. Wenn das nicht gegeben ist, sinkt die Motivation, die Performance lässt nach und der Mitarbeitende verabschiedet sich. Denn, wie gesagt, die Wechselbereitschaft der Mitarbeitenden der Gen Z ist höher.
Also, es ist sicher so, dass die Verweildauer in einem Unternehmen kürzer ist als früher, wo häufiger Dienstjubiläen mit 30- oder 40-jähriger Betriebszugehörigkeit gefeiert wurden. Und statt Work-Life-Balance steht heute die Work-Life-Separation im Fokus. Die Gen Z will die Trennung von Beruf und Freizeit. Keine Arbeitsanrufe auf dem Handy am Wochenende gehören dazu. Auch die Bereitschaft für Überstunden ist bei der Gen Z nicht in dem Maße ausgeprägt wie in den Generationen davor. Dazu passt ihr Interesse an einer 4-Tage-Woche, um Zeit für eigene Projekte zu haben. Die Loyalität gegenüber den Arbeitgebern ist allerdings gegeben. Aber meistens dort, wo das Arbeitsumfeld den Spaß an der Arbeit fördert. Das ist auch das Ergebnis der aktuellen Gallup-Studie, die Auskunft darüber gibt, wie hoch der Grad der emotionalen Bindung an ein Unternehmen ist. Kein Wunder also, dass der Teamspirit eines Start-ups die Gen Zler mehr begeistert als ein klassisches mittelständisches Unternehmen.
Mit 20 Jahren hat man – das weiß jeder von uns – andere Dinge im Kopf, als die eigene Zukunft zu planen. Das ist normal und hat nichts mit der Gen Z zu tun. Doch wir müssen als Gesellschaft lernen, besser miteinander zusammenzuarbeiten und zusammenzuhalten, um die Gen Z mitzunehmen. Viele von ihnen sind unzufrieden mit der Politik, blicken unter anderem skeptisch auf das Sozialversicherungssystem, auf das, was von ihnen erwartet wird. Und natürlich hat die Gen Z eigene Ideen und treibt sie voran, bringt gewisse Vorstellungen und Erwartungen mit. Geprägt durch die sozialen Medien, wo sich unter anderem Unternehmer wie Elon Musk oder Frank Thelen präsentieren.
Das ist das gegenseitige Nichtkennen. Nicht jeder kennt die Begrifflichkeiten der anderen Generation oder ihr Mindset. Das ist in jeder Generation etwas anders. Die Babyboomer ticken komplett anders von ihrer Erziehung her, ihrem Führungsstil, ihren Zielen oder dem Umgang mit Geld. Das sind große Hürden, die es kleiner zu machen gilt. Zu fragen, wie man sich annähern kann, ist der richtige Schritt. Denn es gibt keine perfekte Generation. Jede Generation hat ihre Macken und Eigenheiten, aber ein Mehr an Kommunikation ist der Schlüssel, um Unterschiede in Arbeits- und Lebensweise zu verstehen. Dadurch entwickelt sich ein gegenseitiges Verständnis, was sonst häufig fehlt. Für die Jüngeren lautet die Empfehlung, nicht alles über WhatsApp zu klären, sondern auch mal ein Gespräch am Tisch zu führen, während Ältere durchaus häufiger loben könnten.
Das ist ein kritischer, wenn nicht schon grenzwertiger Satz. Der Wille nach Veränderung und Modernisierung ist bei vielen da. Das sollte man ernst nehmen. Und auch wenn vieles in der Vergangenheit funktioniert hat, die Zeiten ändern sich ja auch …
Mit den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen sind viele unzufrieden. Aber, auch hier: Man kann nicht alle über einen Kamm scheren. Viele sagen, dass Nachhaltigkeit und Klima die Themen sind, für die sich auch die Parteien einsetzen sollten. Doch angesichts der Ergebnisse sind viele junge Leute enttäuscht. Und im Gegensatz zur großen Anzahl der Babyboomer, wahlkräftig und damit entscheidend, fühlt sich die junge Generation als kleine Kohorte nicht gesehen. Die Schere geht hier weit auseinander. Mein Eindruck ist, dass große Löcher entstanden sind. Die Jungen fragen die Alten: „Warum tut ihr nichts?“ Ältere halten dagegen: „Euch geht’s doch gut!“ Die Unzufriedenheit auf beiden Seiten ist offensichtlich. Die Ergebnisse der Trendstudie werden sich in den nächsten zwei, drei Jahren nicht wesentlich verändern. Darüber sollte man einmal nachdenken, denn etwas zu hinterfragen, tut nicht weh.
