„Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähle ihm von deinen Plänen“, sagte einst Blaise Pascal. Der Satz des französischen Mathematikers, Physikers, Literaten und christlichen Philosophen ist eine Lesart von „Der Mensch denkt, Gott lenkt“. Und auch in einem weltlichen Kontext hat jeder von uns es schon mal erlebt, dass der beste Plan einfach nicht aufgehen mag. Die Gründe dafür können ganz unterschiedlicher Natur sein. Daher ist es immer gut, einen Plan B in der Tasche zu haben – oder sich auf Neues einzulassen.
Autorin: Eike Birck
In einer Welt im Wandel, geprägt von Unwägbarkeiten, ist die Fähigkeit, sich anzupassen und auf neue Situationen zu reagieren, eine der wertvollsten Eigenschaften des Menschen. Die Natur hat es uns vorgemacht. Pflanzen beispielsweise sind wahre Meisterinnen darin, sich an die äußeren Umstände anzupassen: Sie wachsen zum Sonnenlicht und viele von ihnen überstehen große Temperatur- und Niederschlagsschwankungen, wie sie in einem normalen Jahresverlauf üblich sind. In puncto Nahrungskette erweisen sich zum Beispiel afrikanische Akazien als äußerst wehrhaft. Um ihre jungen, zarten Blätter vor Fressfeinden wie Giraffen zu schützen, wuchsen ihr lange Dornen.
Die Giraffe wiederum entwickelte eine lange, bewegliche Zunge und unempfindliche Lippen, mit denen sie trotz des stacheligen Schutzes an die begehrten Blätter herankommt. Im Gegenzug wurden die Dornen länger – und so weiter und so fort. Der lange Hals ist übrigens ebenfalls evolutionär bedingt, damit Giraffen auch Blätter an hohen Bäumen gut erreichen können, wenn die niedrig hängenden schon gefressen wurden. So konnten sie sich gegen ihre seinerzeit kurzhalsigeren Artgenossen durchsetzen, die letztlich ausstarben. Ein Beispiel für die Evolution: „Survival of the fittest“ nannte es Charles Darwin. Demnach setzt sich das am besten angepasste Lebewesen durch – und überlebt.
Manchmal erweist sich ein Plan B im Nachhinein als der bessere Plan A, ist nicht nur eine Alternative, sondern oft der Beginn einer spannenden Reise voller Kreativität und Innovation. Ein gescheiterter Plan A kann zu neuen Entdeckungen führen, wie das Beispiel von Coca-Cola zeigt. Ursprünglich wollte der US-amerikanische Apotheker John Stith Pemberton ein Mittel gegen Müdigkeit und Kopfschmerzen entwickeln. In den 1880er-Jahren kreierte er ein Tonikum aus Kolanüssen und Kokablättern und schenkte es glasweise in seiner Apotheke aus – mit eher mäßigem Erfolg. Durch einen glücklichen Zufall kam Pemberton jedoch auf die Idee, das Getränk mit Kohlensäure zu versetzen und als Erfrischungsgetränk zu verkaufen. So entstand aus dem ursprünglichen Plan A, ein Heilmittel zu entwickeln, der Plan B – Coca-Cola als Erfrischungsgetränk. Was zunächst nach einem Misserfolg aussah, wurde zu einem der bekanntesten und erfolgreichsten Produkte der Welt. Allerdings war Pemberton nicht mehr allein am globalen Siegeszug des Getränks beteiligt. Kurz nachdem er sich das Getränk patentrechtlich hatte schützen lassen, verkaufte er aus Geldnot zwei Drittel seiner Anteile an den Unternehmer Asa G. Candler.
Offen für Neues.
Lebenswege haben Kurven. Auch wenn wir es noch so sehr versuchen: Ein Leben ist nicht planbar. Schicksal oder Zufall – woran man glauben mag – geben sorgsam durchstrukturierten Plänen häufig eine ganz andere Wendung. Das muss nicht immer negativ sein, sondern kann – ganz im Gegenteil – Positives bewirken, wenn man offen für Neues ist. Ein Quäntchen Glück schadet dabei keinesfalls und zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, wie 1961 eine bis dato unbekannte Band aus Liverpool. In Hamburg wurden die Beatles von Brian Epstein entdeckt, als sie lediglich als Begleitband von Tony Sheridan bei Studioaufnahmen (u. a. „My Bonnie“) fungierten. Auf der Platte wurden sie übrigens noch nicht einmal namentlich erwähnt. Der Rest ist Geschichte.
Der Lebensweg von Tadao Andō hielt ebenfalls einige Schlenker bereit. Zwar interessierte sich der 1941 in Osaka geborene Stararchitekt schon mit 15 Jahren für seine spätere Berufung, aber er arbeitete zunächst als Zimmermann und machte Karriere als Profiboxer. Obwohl er nie Architektur studierte, eröffnete der Autodidakt 1969 in seiner Geburtsstadt ein eigenes Atelier, das er Tadao Andō Architect & Associates nannte. Heute zählt er zu den bekanntesten Architekten Japans, hat in Yale, Harvard, an der Columbia, an der IAA in Sofia und an der Universität in Tokio gelehrt.
Aus einem Desaster zur Marktführerschaft.
Ein weiteres milliardenschweres Beispiel liefert die Erfindung von WhatsApp. Die Gründer Jan Koum und Brian Acton hatten ursprünglich die Vision, eine App zu schaffen, die den Status der Nutzenden anzeigt, ähnlich wie die Funktion, die später zum WhatsApp-Status wurde. Jan Koum reiste 2008 durch die Welt – mit einem Nokia 6610. Mit Freunden in Kontakt zu bleiben, fiel per SMS schwer – schließlich musste im Pre-Smartphone-Zeitalter noch jeder Buchstabe einzeln eingetippt werden. Und wenn man mit jemandem telefonieren möchte, ist es natürlich sehr hilfreich zu wissen, ob der Angerufene gerade Zeit und Muße für ein Gespräch hat. Das war die Grundidee von WhatsApp. User konnten damit Status-Texte schreiben, ob sie gerade zur Verfügung stehen. Über die App zu chatten, so wie wir es heute kennen, war zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht vorgesehen. Eigentlich war die Status-Idee gut: Die App wurde heruntergeladen, aber niemand nutzte sie. Jan Koum bezeichnete diese Phase als Desaster. Hilfe kam von unerwarteter Seite: 2009 ermöglichte es Apple, Push-Notifikationen auf die iPhones zu schicken. Das bedeutete, dass man auch dann Nachrichten erhielt, wenn die App nicht aktiv war. Die Statusnachrichten wurden nun rege dazu genutzt, um miteinander zu kommunizieren. Das war für die beiden Gründer der berühmte Aha-Moment: Sie rüsteten WhatsApp mit einer Chat-Funktion nach und der Grundstein für die heutige Messenger-App mit knapp drei Milliarden Nutzenden wurde gelegt. Ab Dezember 2009 war sogar das Versenden von Fotos möglich, damals ein Novum - und eine willkommene Alternative zur umständlichen MMS. WhatsApp hat die beiden Gründer steinreich gemacht: 2014 zahlte Facebook 19 Milliarden Dollar für das Unternehmen.
Oft ist es ein unverhoffter Geistesblitz, der eine entscheidende Wendung bringt, wie bei der Erfindung des Post-its. Auch wenn die Welt sicherlich ohne diese kleinen gelben Zettel überlebt, ist der Weg, der zu dem Produkt führte, beispielhaft für einen erfolgreichen Plan B. 1968 arbeitete der bei dem US-amerikanischen Unternehmen 3M frisch eingestellte Jungchemiker Spencer Silver an der Entwicklung eines superstarken Klebstoffs – so die Aufgabenstellung. Silver scheiterte auf ganzer Linie. Denn sein Kleber haftete nur schwach – und ließ sich sogar wieder ablösen. Für den jungen Wissenschaftler ein Misserfolg. Später, als klar war, dass er Papierwarengeschichte geschrieben hatte, wird Silver sagen: „Ich hatte die Lösung für ein Problem gefunden, nach dem ich noch suchte.“
Aber zurück zur Historie: Trotz des angeblichen Fehlschlags verbreitete sich bei 3M die Nachricht über Silvers Erfindung. Die selbstklebenden Mikrosphären, ebenso genial wie zunächst unnütz, erregten die Aufmerksamkeit eines älteren Kollegen, Arthur Fry, der – wie Catherine Genest in ihrem Artikel über die Erfindung des Post-its schreibt – die entscheidende Erleuchtung hatte. Als Mitglied im Kirchenchor hatte Fry die Angewohnheit, während der Chorproben kleine Zettel zwischen einzelne Notenblätter zu legen, um die gewünschten Lieder während des Singens schneller zu finden. Allerdings fielen diese Lesezeichen ständig heraus. Und so dachte er, während er einen Psalm zu Ehren Jesu Christi sang, an die von Silver entwickelten Mikrosphären. Wäre es nicht großartig, seine Lesezeichen mit dieser Klebemasse zu versehen? Von diesem Zeitpunkt an arbeiteten die beiden Männer offiziell gemeinsam an der Perfektionierung des Klebstoffs. Jedoch konnten sie ihre skeptischen Vorgesetzten erst 1980 davon überzeugen, Post-it-Blöcke auf den Markt zu bringen. Heute verkauft 3M jährlich schätzungsweise etliche Milliarden davon.
All diese Beispiele zeigen, dass ein Schritt zurück uns unter Umständen mehrere Schritte nach vorn bringen kann. Dass das Scheitern von Plan A oft der Ausgangspunkt für großartige Erfolge und bahnbrechende Innovationen sein kann. Ein Plan B ist demnach nicht nur eine Notlösung, sondern ein Beleg für die menschliche Kreativität, Anpassungsfähigkeit und Resilienz. Scheitern ist in unserem Kulturkreis negativ besetzt, aber sind es nicht gerade die Rückschläge, aus denen wir am meisten lernen und gestärkt hervorgehen?