Extreme Wetterereignisse haben in den letzten Jahren signifikant zugenommen. Im Frühsommer 2024 standen Teile von Bayern unter Wasser und die Bilder aus dem Ahrtal sind auch drei Jahre nach der Hochwasserkatastrophe noch sehr präsent.
Autorin: Eike Birck
Titelbild: KI-generiert
Fotos: © Nikolai Benner
Die spürbaren Klimaveränderungen bewirkten ein Umdenken und einen anderen Umgang mit dem Medium Wasser. „Früher war es der Ansatz, Regenwasser von Dächern und Straßen so schnell wie möglich der Kanalisation zuzuführen, um einen hohen Entwässerungskomfort zu erreichen“, erinnert sich Ralf Fritze, geschäftsführender Gesellschafter der Bockermann Fritze Unternehmensgruppe. „Allmählich ging man dazu über, die Rückhaltung von Regenwasser stärker zu berücksichtigen und Regenrückhaltebecken oder Stauraumkanäle zu planen und umzusetzen. Das war der Stand der Technik von vor etwa zehn Jahren.“ Extreme Hitze und Starkregenereignisse stellen Städte jedoch vor neue Herausforderungen. Die Phasen, in denen in kürzester Zeit sehr große Regenmengen fallen, die von Gullis und Kanälen nicht mehr aufgenommen werden können, nehmen zu. „Wir brauchen resilientere Strukturen, um uns dagegen zu wappnen“, unterstreicht Ralf Fritze den Anspruch. „Für die Quartiersentwicklung sind Hitze und Starkregen relevante Faktoren, die bei jeder Planung von Anfang an berücksichtigt werden müssen. Die Flächen sollen Wasser möglichst lange halten, damit es verdunsten kann oder für Pflanzen verfügbar versickert. Für extreme Regenmengen müssen Notfließwege vorhanden sein. Das ist planbar.“
„Wasser ist für uns gut kalkulierbar“, betont auch Michael Kamphans, Projektmanager bei Bockermann Fritze IngenieurConsult und Experte für Wasserwirtschaft. „Die Pläne, die wir entwickeln, umfassen Nachhaltigkeitsaspekte ebenso wie die Wirtschaftlichkeit und die technische Umsetzbarkeit.“ Klar ist, dass mehr Grün für die Abkühlung in den Städten erforderlich ist. Deshalb setzen die Planenden von Bockermann Fritze darauf, Wasser möglichst lange an der Oberfläche zu halten. Durch Verdunstung ist der kühlende Effekt spürbar. Und Wasser, das versickert, kommt den Pflanzen und Bäumen zugute, die wiederum – auch durch Verschattung – einen Kühlungseffekt haben und damit den Wärmehaushalt positiv beeinflussen. Michael Kamphans mag seinen facettenreichen Beruf als Umweltingenieur. „Wenn wir zum Beispiel den Bau einer Straße planen, muss von Anfang an das Thema Wasser mitgedacht werden. Das Straßenbegleitgrün kann in Form von Tiefbeeten angelegt werden. Dorthin kann das Wasser mit dem Oberflächengefälle abfließen. Bis zu 30 cm tief eingestaut, wird das Wasser auf diese Weise dezentral zurückgehalten, bevor die Tiefbeete bei Starkregenereignissen über die Regenwasserkanalisation kontrolliert entlasten.”
Innovative Ansätze haben die Planenden auch bei verschiedenen Quartiersentwicklungen in Bochum ins Spiel gebracht. So verläuft in der Mitte der Fahrbahn eine gepflasterte Rinne, eine Art kleine Gracht, die in seitlich angeordnete Tiefbeete sogenannte Rainlines entwässert. Das Regenwasser wird zentral aufgefangen und soll dezentral ablaufen. Bei seinem Weg durch das Quartier bleibt das Wasser somit lange an der Oberfläche. Je nach Außentemperatur verdunstet ein Teil des gewonnenen Regenwassers, was den gewünschten kühlenden Effekt auf die Umgebung hat.
Offenes Wasser nimmt jedoch Raum ein. Wenn neu gebaut wird, kann das Thema Wasser immer gleich mitgeplant werden. Bei großen Quartiersentwicklungen ist bei der Ausgestaltung von Dachflächen und der Außenanlagen meist ein größerer Spielraum für Planungen rund um das Medium Wasser als beim Bauen im Bestand.
Zusätzlich werden verschiedenste Ansprüche an die verfügbaren Flächen gestellt: hochwertige Gestaltung, ein hoher Grünanteil, Verkehrssicherheit, Park-raum, Aufenthaltsqualität und viele Aspekte mehr, die miteinander zu kombinieren sind. „Das Thema multifunktionale Flächennutzung begleitet uns nun schon eine geraume Zeit“, berichtet Michael Kamphans. „Durch Abstimmungsrunden mit vielen unterschiedlichen Beteiligten, die zum Teil divergierende Interessen vertreten, dauert es mitunter sehr lange, bis ein Plan steht bzw. von den politischen Gremien beschlossen wird.“ Um einen solchen Prozess erfolgreich zu moderieren, braucht es neben einem wasserdichten Plan gute Argumente, Zeit und viel Geduld, die Regularien der Verwaltung mit der Planung – auch unter ästhetischen Aspekten – in Einklang zu bringen. Wenn beispielsweise durch Baumaßnahmen ein Baum weichen müsste, der laut Baumschutzverordnung aber nicht gefällt werden darf, muss an anderer Stelle eine bestimmte Anzahl an Bäumen neu gepflanzt werden. Das gilt es, der Öffentlichkeit, die bei großen Projekten meist beteiligt wird, zu vermitteln. Als Moderator in diesem Prozess hat Michael Kamphans bei all diesen Detailabstimmungen das übergeordnete Ziel im Blick.
In Bochum hat Bockermann Fritze im Rahmen des Projektes „Havkenscheider Höhe“ ein neues, weitestgehend autofreies Quartier geplant. Hier dient eine zentrale Parkgarage als Stellplatz, denn die Wege sollen abgesehen von Parkzonen zum Be- und Entladen autofrei bleiben und Fahrradfahrenden, Spaziergehenden und spielenden Kindern zur Verfügung stehen. Dennoch müssen die Wege so konzipiert werden, dass sie nicht nur hohe Aufenthaltsqualität versprechen, sondern auch Raum für Feuerwehr, Müllentsorgung, Post etc. bieten und auch barrierefrei für Menschen mit Rollatoren oder Kinderwagen geeignet sind. Bei den Planungen gilt es, neben den topographischen Höhenunterschieden zudem viele unterschiedliche Nutzungen zu vereinen und in Abstimmung zu dem Entwässerungskonzept zu bringen. Die für das Quartier geplante natürliche Niederschlagsentwässerung, genügend Abstandsfläche für die Frischluftzufuhr sowie Dachbegrünung der Gebäude sorgen insgesamt für bessere klimatische Eigenschaften. Das Projekt „Havkenscheider Höhe“ wurde bereits vom NRW-Verkehrsministerium als zukunftsweisend in Hinblick auf Mobilität und Nachhaltigkeit ausgezeichnet.
Für das Gelingen eines Wasserkonzepts sind letztlich auch Betrieb und Wartung entscheidend. Hier stellt sich häufig die Frage, wer diese Kosten übernimmt. Im öffentlichen Raum sind manchmal die Zuständigkeiten nicht trennscharf verteilt, ob beispielsweise der Stadtentwässerungsbetrieb oder das Grünflächenamt für bestimmte Bäume oder Tiefbeete zuständig ist. Durch die neuen Planungsansätze wird die Verantwortung für das Regenwasser zunehmend auch in die Hände von Privaten, wie Wohnungsbaugesellschaften gelegt. Sei es durch Dachbegrünungen, Versickerung oder Verrieselung – damit ist die geregelte Einbringung von Wasser in den Boden gemeint. Apropos Privathaushalte: Ein Keller wird heute anders genutzt als noch vor einigen Jahren. Mit beispielsweise Sauna oder Gefriertruhe stehen dort mittlerweile ganz andere Werte, die es vor Wasser zu schützen gilt.
Wie würde eigentlich der perfekte Plan für das Medium Wasser aussehen? „In einem idealen Szenario wäre eine Regenwasserkanalisation im Grunde überflüssig“, skizziert Michael Kamphans eine Vision in Richtung Schwammstadt, die darauf abzielt, das Wasser im Kreislauf zu halten. „Regenwasser würde als Oberflächenwasser verdunsten, versickern und damit zur Bewässerung von Grünanlagen, Beeten und Bäumen dienen. Eine natürliche Verteilung auf Wald und Wiesen.“ Hierbei ist aber die Beschaffenheit des Bodens von Belang. Bei lehmigen Bodenverhältnissen versickert Wasser nicht so gut wie auf sandigen Böden. Aber das haben die Planenden von Bockermann Fritze auf dem Schirm – ebenso wie die zig anderen fachlichen Fragestellungen, die im Zusammenhang mit dem Medium Wasser relevant sind. Denn Wasser muss auf allen Ebenen der Bauleitplanung berücksichtigt werden, damit sich das unverzichtbare kühle Nass an den Plan hält.
Schwammstadt
Das Konzept der Schwammstadt verfolgt das Ziel, urbane Räume so zu gestalten, dass sie Niederschlagswasser auffangen und im Wasserkreislauf halten sowie gegebenenfalls nutzbar machen können. So können Freiräume und Stadtgrün im Fall von Starkniederschlägen Wasser zurückhalten, versickern lassen und somit Überschwemmungen, aber auch Hitze und Trockenheit entgegenwirken.
