H2O.
So viel und doch zu wenig.

Aus dem Weltall betrachtet, ist die Erde der blaue Planet. 72 Prozent der Erdoberfläche sind mit Wasser bedeckt – das ist allerdings fast ausschließlich Meerwasser. Nur 2,7 Prozent sindSüßwasser und lediglich 0,3 Prozent Trinkwasser. Und diese Ressource ist über den Globus sehr ungleich verteilt. Aber nichts geht ohne Wasser. Es ist die Grundlage allen Lebens – und ein Menschenrecht. Das erklärte zumindest die Generalversammlung der Vereinten Nationen am 28. Juni 2010. 122 Staaten stimmten der Erklärung zu, aber immerhin 41 Länder enthielten sich.

Autorin: Eike Birck

22 Jahre sind seit der UN-Erklärung vergangen. Die praktische Umsetzung indes hinkt weit hinterher. „Einwandfreies und sauberes Trinkwasser und Sanitärversorgung“, wie es in der UN-Erklärung heißt, sind für sehr viele Menschen nur ein ferner Traum. Nach wie vor haben weltweit knapp eine Milliarde Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Etwa 2,4 Milliarden Menschen leben ohne Toiletten und hygienische Abwasserentsorgung. Dabei bedingen sauberes Trinkwasser und hygienische Sanitäreinrichtungen sowie eine funktionierende Abwasserentsorgung einander. Denn vielfach verschmutzen Fäkalien und Müll vorhandenes Wasser. Gefährden ebenso die Versorgung der wachsenden Weltbevölkerung mit Nahrungsmitteln. Untersuchungen zufolge werden etwa 70 Prozent des Frischwassers für die Produktion von Lebensmitteln verbraucht. Dabei hat unser Konsum Auswirkungen auf die Bedingungen in den Ländern des Südens. Das Water Footprint Network hat errechnet, dass für die Produktion von Kaffeepulver für eine einzige Tasse Kaffee durchschnittlich rund 140 Liter Wasser benötigt werden. Für ein Kilo Rindfleisch sind es knapp 15.500 Liter – von den Treibhausgasemissionen mal ganz abgesehen.

Ungleiche Verteilung.

Zwar wird die Erde der blaue Planet genannt, aber nur 0,3 Prozent der Wasservorkommen sind tatsächlich Trinkwasser. Und diese Ressource ist über den Globus sehr ungleich verteilt. Während streng kontrolliertes Trinkwasser in Deutschland wie selbstverständlich aus dem Hahn kommt, haben Menschen in anderen Regionen nur begrenzt oder gar keinen Zugang zu irgendeiner Form von Wasser. Oft fehlt es an ausgebauten Brunnen, Wasserleitungen, Wasserspeichern sowie Aufbereitungsanlagen und effizienten Filtern für Trinkwasser. Und in manchen Teilen der Welt ist Wasser eine ebenso hart umkämpfte Ressource wie beispielsweise Öl. In Anbetracht der Klimakatastrophe samt der zunehmenden Ausbreitung der Wüsten (Desertifikation) gehen Fachkundige davon aus, dass die Anzahl der bewaffneten Konflikte um das kostbare Nass ansteigen wird.  

Die meisten Menschen ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser und zu Sanitäreinrichtungen leben in Afrika südlich der Sahara sowie in Süd- und Ostasien. Menschen in ländlichen Gebieten sind davon stärker betroffen als Menschen, die in Städten leben. Extremer Wassermangel ist für viele Menschen Alltag. Dürreperioden, niedrige Grundwasserpegel und fehlende Wasserspeicher im Boden können dramatische Folgen haben. Während bei uns in Deutschland Trinkwasser zu den am striktesten kontrollierten Lebensmitteln gehört, steht Menschen in Teilen der Südhalbkugel – wenn überhaupt – nur verunreinigtes Wasser zur Verfügung, das aus offenen Brunnen oder Wasserlöchern geschöpft wird. 

Wasser und Bildung.

Durch Keime im Wasser infizieren sich die Menschen mit Durchfallerkrankungen wie Cholera und Ruhr. Auch andere Erkrankungen können sich aufgrund mangelhafter hygienischer Verhältnisse stärker ausbreiten als sonst. So sterben aufgrund von verunreinigtem Wasser und schlechter Hygienebedingungen jedes Jahr 842.000 Menschen.

Noch immer ist die Wasserversorgung der Familie Frauen- und Kinderarbeit. Nicht nur ein Knochenjob. Die nächste Wasserstelle ist oft kilometerweit entfernt und der Weg führt über unwegsames oder häufig gefährliches Gelände. Bis zu sechs Stunden müssen Frauen und Kinder in manchen Regionen aufwenden, um Wasser für das Allernotwendigste zu holen. Das bedeutet, dass die Kinder nicht zur Schule gehen und Frauen keiner bezahlten Arbeit nachgehen können. Auch wenn sauberes  Trinkwasser und Sanitärversorgung als Ziel Nr. 6 der 17 Nachhaltigkeitsziele (SDGs) formuliert wurden, dreht sich der Teufelskreislauf der Armut immer weiter. Um diesen zu durchbrechen, bedarf es ernsthafter und konsequenter Anstrengungen der gesamten Weltgemeinschaft. Doch das von der UN formulierte Menschenrecht ist weder rechtlich bindend noch einklagbar.

Der Klimawandel und seine Folgen.

Ist sauberes Trinkwasser ein Problem, das künftig auch in Europa ein Thema werden könnte? Die Folgen des Klimawandels haben sich gerade in den letzten Jahren nachdrücklich durch außergewöhnliche Ereignisse wie Starkregen, Überflutungen, Hagelschauer, Hitzewellen, Waldbrände und Erdrutsche gezeigt – auch in Europa. In den Jahren 2019, 2020 und 2021 wurden die heißesten Temperaturen gemessen und unser Kontinent erlebte die heftigsten Stürme seit Aufzeichnung der Wetterdaten. Tornados, Zyklone und Co. stehen im engen Zusammenhang mit der Eisschmelze in der Arktis und der Antarktis: Der Meeresspiegel und die Oberflächentemperatur steigen und Stürme saugen sich voll mit Wasser. Außerdem haben die Waldbrände der vergangenen Jahre enorme Flächen und damit den Lebensraum für Mensch und Tier verschlungen und schwarzen Kohlenstoff in die Atmosphäre entlassen. Der wirkt sich u. a. auf die Arktis aus. Die Gletscher, auch in Grönland oder Island, werden schwarz und die Farbe begünstigt die Schmelze des Meereises.

Der Lebensraum „Meer“ steht vor dem Kollaps. Die Küsten und Strände der Welt ertrinken im Plastikmüll. Das Korallensterben hat eklatant zugenommen. Umweltexperte Dr. Thomas Henningsen, der seit über 30 Jahren Kampagnen für Green-
peace entwickelt, berichtet, dass bereits 88 Prozent des australischen Great Barrier Reefs von der Korallenbleiche betroffen sind. Auch die Fischbestände seien massiv zurückgegangen, es stünden nur noch 20 Prozent unserer wichtigsten Proteinquelle zur Verfügung. Millionen von Geisternetzen stellen für die Meeresbewohner eine tödliche Gefahr dar, wie auch der Plastikmüll. 350 bis 400 Millionen Tonnen Plastik werden jährlich weltweit produziert, wovon nur 7 Prozent recycelt werden. „Für die Tiere ist das dramatisch. Sie fressen den Plastikmüll oder verheddern sich in den Netzen und sterben“, so Dr. Thomas Henningsen.
Auch im Sommer 2022 erreichte Deutschland Rekordtemperaturen. Das Klima kippt, die Erde wird wärmer – mit gravierenden Konsequenzen. Dr. Thomas Henningsen veranschaulicht, was eine Erderwärmung um 1,5 °C bedeutet. „Wenn unsere Körpertemperatur um ein Grad höher ist, fühlen wir uns nicht besonders gut. Steigt sie auf 39 °C, geht es uns richtig schlecht und bei 42 °C tritt der Exitus ein. So ergeht es unserer Erde. Wenn wir eine Erwärmung von 5 °C haben, ist ein Leben hier nicht mehr möglich.“

Auch das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) warnen davor, dass infolge des Klimawandels in Deutschland ein sinkender Grundwasserspiegel drohe. Vor allem in Nord- und Ostdeutschland könnte es gegen Ende des Jahrhunderts längere Perioden mit niedrigen Grundwasserständen geben, sagt Stefan Broda von der BGR. Deutschland decke etwa 70 Prozent des hier verbrauchten Trinkwassers aus Grundwasser. Ein nachhaltiges Absinken des Spiegels kann auf lange Sicht also auch in Deutschland die Wassersicherheit gefährden – wenn auch zunächst nicht grundsätzlich und bundesweit, sondern regional und kurzzeitig in Dürreperioden.