So vielfältig wie die Welt der Insekten ist, so wenig können wir auf sie verzichten. Sie sind für das Gleichgewicht der Ökosysteme unentbehrlich. Allerdings wiegen die Versäumnisse der Vergangenheit schwer. Der Rückgang an Insekten ist dramatisch. Hier stehen alle Zeiger auf Rot. Nicht in den Artenschutz zu investieren, wäre ein massiver Fehler. Denn der Abwärtstrend im Insektenreich macht sich nicht nur im Artenverlust in Flora und Fauna bemerkbar, auch die menschliche Ernährung ist dadurch grundlegend gefährdet. Dabei kann jeder etwas für mehr Artenvielfalt tun. Auch Bienen zu halten, ist ein Weg.
Autorin: Corinna Bokermann
Es klingt ein wenig abenteuerlich, aber Axel Reinert meint es ernst: „Bienen muss man streicheln. Sie haben ein flauschiges Fell.“ Der 52-Jährige muss es wissen; schließlich gilt seine Leidenschaft den gelb-schwarz geringelten Insekten, die mit ihren zwei hauchzarten Flügelpaaren täglich viele Kilometer zurücklegen und für die Bestäubung vieler Nutz- und Wildpflanzen verantwortlich sind. Wenn sie beschäftigt sind und gute Laune haben, gibt es keinen Grund für sie zu stechen“, so Axel Reinert. Wissen sollte man dabei: Die sensiblen Tierchen sind wetterfühlig. Bei schönem Wetter haben sie bessere Laune als bei schlechtem. Kein Wunder, denn Regen und Feuchtigkeit erschweren ihnen schlichtweg den Heimtransport ihrer Sammelleidenschaft. Dann werden Strecken – Bienen legen voll beladen mit Nektar und Pollen bis zu drei Kilometer zurück, um Futter in den Bienenstock einzutragen – zum anstrengenden Marathon. Sein erstes Bienenvolk erhielt der Diplom- Ingenieur vor vier Jahren von seinem heutigen Verein, dem Imkerverein Isselhorst. „Es waren zwei Ableger mit je 4.000 Bienen. Heute habe ich vier Bienenvölker mit je 40.000 bis 60.000 Bienen“, erzählt der passionierte Bienenhalter, der sich erst das notwendige theoretische Know-how über einen VHS-Kurs holte und es anschließend im praktischen Teil an einem Lehrbienenstand vertiefte. Das fein getunte Zusammenleben seiner Bienenvölker beobachtet er immer wieder fasziniert. Erst Putzbiene, dann Ammenbiene, Arbeitsbiene im Stock und schließlich Flugbiene – jede Biene durchläuft im Sommerhalbjahr in ihrem rund achtwöchigen Leben etwa 21 unterschiedliche Berufe. Die längste Zeit ihres Lebens – gut drei Wochen – sammelt sie Nektar und Pollen. „Bienenvölker sind komplexe Organismen, in denen jedes Einzeltier eine spezielle Rolle einnimmt. Sie arbeiten koordiniert zusammen, die verschiedenen Aufgabenbereiche sind perfekt durchorganisiert und aufeinander abgestimmt“, erklärt der Projektingenieur der Bockermann Fritze plan4buildING GmbH, den das facettenreiche Volksleben in einem Bienenstock interessiert.
„Auch, wenn das Gekrabbel im Bienenstock auf den ersten Blick alles andere als Ordnung und Struktur vermuten lässt.“ Ein Bienenstock ist ein sensibles Konstrukt, das im Gleichgewicht sein muss. Das fängt schon bei der Unterbringung an. „Die Beute, wie der Bienenstock auch genannt wird, sollte weder zu klein noch zu groß sein“, sagt Axel Reinert. Mindestens drei Rähmchen müssen im Winter im Bienenstock besetzt sein und zwölf bis 24 können es im Sommer werden. Der Platzbedarf eines Bienenvolkes ist ebenso wie der Wärmehaushalt ein ausschlaggebendes Kriterium für das Wohlfühlklima im Stock. „Auch Bienen wollen es schließlich komfortabel haben“, stellt der Bienenkenner schmunzelnd fest. Ein Rähmchen aus der Zarge der Beute zu nehmen, heißt übrigens, dass dort rund 2.000 Bienen draufsitzen. „Diese versuchen, die Wärme der Brut zu halten oder durch Fächeln zu kühlen. Da kann man dann ruhig mal die Hand reinhalten, das ist kein Problem“, sagt Axel Reinert, der natürlich auch mal gestochen wird und augenzwinkernd hinzufügt: „Daran gewöhnt man sich; außerdem sagt man Bienenstichen ja auch eine antirheumatische Wirkung nach.“
Die Stechbereitschaft lässt sich jedoch auch von außen beeinflussen. Geht man mit Rauch – einer Mischung aus Sägemehl und Kräutern – oder Wassernebel an den Bienenstock heran, können die Tiere ihre Signale nicht weitergeben, denn das Bienenvolk kommuniziert und koordiniert seine Aktivitäten über Pheromone, also Duftstoffe. Die regelmäßige Beobachtung und Pflege des Bien, so wird die Gesamtheit des Bienenvolks genannt, folgt einem 10-Tage- Rhythmus. Der gibt auch Axel Reinert eine wöchentliche Routine vor. „Dies ist dem Entwicklungszyklus der Drohnen geschuldet, denn Varroamilben befallen diese bevorzugt, um sich zu vermehren und zu ernähren. Im Gegensatz zu den befruchteten Eiern – aus denen sich weibliche Bienen entwickeln – sind sie einen Tag länger Larve.“ Dabei fressen sich die Milben zwischen den Chitinplatten an der Biene fest. Damit dies nicht geschieht, kommen „klassisch“ Säuren zum Einsatz. „Das Drohnenschneiden, das Entfernen der Drohnenbrut, dient ebenfalls dazu, den Milbendruck zu reduzieren“, so Axel Reinert. Schließlich gilt es, Larven und Königin zu schützen. Axel Reinert würde künftig gern auf Säuren bei der Bekämpfung der Varroamilbe verzichten. Als Alternative zu den ungeliebten Varroiziden eignen sich auch Bücherskorpione. Der Nützling, wie die Milben ein Spinnentier, ernährt sich unter anderem von Parasiten der Bienen in den Bienenbeuten. „Ursprünglich haben Bücherskorpione mit Bienen in symbiotischen Lebensgemeinschaften gelebt. Um wieder ‚back to the roots‘ zu gehen, reicht es allerdings nicht, sie in bestehenden Beuten anzusiedeln. Das wäre ein Fehler und würde nicht den gewünschten Erfolg haben“, weiß Axel Reinert. Es braucht auch Abänderungen an den Beuten, die häufig aus Kunststoff sind und damit viel zu glatt. Er setzt bereits auf den ökologischen Werkstoff Holz für seine Beuten. „Das allein reicht allerdings nicht“, so der Hobby Imker. Die Bücherskorpione benötigen ein Umfeld, in dem sie sich wohlfühlen und vermehren können, dazu gehört unter anderem das Einbringen von Rindenmulch, Stroh und Laub. Schließlich waren Rindenritzen, da Bienenvölker ursprünglich in Baumhöhlen zu finden waren, sein urtümlicher Wohnsitz. „Ich überlege bereits, ob ich die Außenwände meiner Beute aufdoppele, um dem Milbenbefall mit Bücherskorpionen entgegenzuwirken.“
Nicht nur Krankheiten, auch fehlende Pflanzstreifen, Pestizide und vor allem Monokulturen erschweren den Bienen ihre Arbeit. Dabei sind allein 80 Prozent aller Blühpflanzen in Deutschland nach Angaben des Deutschen Imkerbundes (DIB) auf die Bestäubungsleistung von Bienen und anderen Insekten angewiesen. „Die Imkerei ist der drittwichtigste Betriebszweig in der Landwirtschaft, was sich durch die unglaubliche Bestäubungsleistung erklärt“, unterstreicht Axel Reinert, der als registrierter Bienenhalter automatisch zum Landwirt wurde. Für ein kleines Glas Honig müssen Bienen übrigens rund 300.000 Blüten anfliegen und 16.800 Kilometer zurücklegen. Dabei sind sie blütentreu und arbeiten erst eine Tracht ab, bevor sie sich neuen Blüten widmen. Fehler unterlaufen ihnen dabei nie.