Fehler bringen uns nach vorne.
Sebastian Borek über die Chancen im Scheitern.

Den digitalen Wandel in der Region aktiv gestalten, Start-ups und aufstrebende Unternehmertalente fördern, innovative Tech-Ideen umsetzen. Mit diesem Ziel haben Sebastian Borek und Dominik Gross gemeinsam mit der Bertelsmann Stiftung die Founders Foundation in Bielefeld ins Leben gerufen. Eine echte Erfolgsgeschichte. Dennoch – oder gerade deshalb – verlässt Sebastian Borek Ende September nach fünf Jahren das Projekt. Ein Schritt, der zum Spirit vieler GründerInnen passt. Mut zum Scheitern inklusive.

Autorin: Stefanie Gomoll
 

Sebastian Borek …


beschreibt sich selbst als High Performer und Serial Entrepreneur mit Mittelstandsgen. Als Vollblut-Unternehmer und Digitalisierungs-Experte hat der 46-Jährige die Founders Foundation fünf Jahre lang mit Leidenschaft und Erfahrung geführt. Seine Kern-DNA liegt im Unternehmertum, dessen Facetten er als Gründer, ­Familienunternehmer und Investor auf unterschiedliche Weise in seiner Karriere durchlaufen hat. Sebastian Borek gründete bereits mehrere Unternehmen, darunter ein amerikanisches Start-up im AdTech-Bereich. Im Corporate-Umfeld leitete er ­bereichsübergreifende Innovationsprojekte wie in der zentralen Unternehmensentwicklung der Bertelsmann SE in Gütersloh. In seiner Rolle als Vorsitzender der Geschäftsführung bereitete er das eigene Familienunternehmen auf die digitale Transformation vor. Mit diesen Erfahrungen engagiert sich Sebastian Borek heute als Beiratsmitglied bei Familienunternehmen wie ­Kienbaum und Partners und schafft mit seinem Verständnis beider ­Kulturen als Brückenbauer und Netzwerker vertrauensvolle ­Beziehungen zwischen “new and old Business”.Privat entspannt er beim Schlagzeug spielen und lebt mit seiner Frau und vier gemeinsamen Kindern in Bielefeld.

www.foundersfoundation.de
 

Was genau hat Sie zu dem Schritt bewogen?

Als Unternehmer hat es mich schon immer gereizt, etwas Neues anzufangen, sobald eine Sache läuft. In der Start-up-Szene gibt es ja den Begriff „Serial Entrepreneur“. Viele bauen ein Start-up auf, wenn es funktioniert, verkaufen sie es und gründen das nächste. Das ist auch ein Kultur-Clash, weil viele Unternehmen gerade bei uns in der Region ja über Generationen denken. Das Serial Entrepreneurship hat dieses typische Unternehmer-Gen, dass man eine unglaubliche Freude daran hat, eine Opportunität zu sehen, ein Problem, das man gerne lösen möchte, und sich da richtig reinkniet. So ist das mit der Founders Foundation für mich auch gewesen. Ich habe sie mit aufbauen können, wir haben eine tolle Basis, ein Fundament geschaffen, das jetzt wunderbar weiterwachsen kann. Und ich glaube, für die Wachstumsphase braucht es jetzt eine andere Art von Leadership. Ich bin halt derjenige, der gerne etwas aufbaut. Trotzdem fällt es mir nicht leicht, meine „Babys“ Founders Foundation und die Tech-Konferenz „Hinterland of Things“ zu verlassen. Das ist schon wie eine Amputation, aber mein unternehmerischer Drang ist einfach stärker.

Verraten Sie, wohin es Sie ­genau trägt?

Ich sehe eine Opportunität im Bereich Finanzierung von Start-ups, da gibt es einiges an Chancen und Defiziten in der Region, aber auch in ganz Deutschland. Ich glaube, dass Kapital noch nicht optimal investiert wird, weil es oft keinen Zugang hat zu tollen Talenten und Innovationen. Ich sehe einen riesigen Bedarf, Start-ups und Gründertalente zu finanzieren, damit sie wachsen können. In Berlin und einigen anderen Metropolen gibt es bereits eine etablierte und mittlerweile auch kraftvolle Venture-Capital-Szene; außerhalb dieser Hubs sieht das allerdings noch anders aus. Ich glaube, dass ein Schlüsselpunkt sein wird, wie traditionelles Kapital seinen Weg in zukunftsweisende Unternehmungen findet. Wie genau so etwas aussehen könnte, finde ich spannend und werde mich damit beschäftigen. Es freut mich alleine schon, mich diesem Problem zu widmen ‒ mit der Ambition, es zu knacken.


 

Diesen Schritt zu wagen, passt zum Gründergeist, nicht zu lange auf einer Position zu bleiben, sondern sich immer weiterzubewegen …

Ja, das ist richtig. Ich habe mich oft vor die Gründer gestellt oder Vorträge an Universitäten gehalten und von dem Sprung ins kalte Wasser erzählt. Von dem Mut, sich selbstständig zu machen. Ich habe das zwar in meinem Leben auch schon gemacht, aber ich fand es immer etwas komisch, weil bei mir als Geschäftsführer der Scheck zuverlässig jeden Monat kommt. Natürlich haben die meisten Gründer eine ganz andere Situation, gerade wenn sie noch im Studium sind und am Anfang ihrer Karriere stehen, aber ich finde, man muss vorleben, was man predigt.

Dabei kommen Sie selbst aus einem Familienunternehmen,
das ja klassischerweise auf Generationen angelegt ist. Worin bestehen da die Herausforderungen?

Aktuell sehe ich bei vielen Familienunternehmen, dass sie eben nicht nur die Nachfolge bzw. das Firmenerbe übergeben, sondern auch die Verantwortung, die Firma teilweise komplett zu verändern, weil die Märkte sich schnell verschieben oder die Technologie sehr disruptiv ist. Die neue Generation muss gerade beides bewältigen: die Firmen übernehmen und gleichzeitig wandeln. Das ist eine enorme Herausforderung, eine komplexe Situation, die auch zu Konflikten führen kann.

Wer nicht schon an die nächste Generation denkt, kann sich eher trauen zu scheitern. Ist das eine Haltung, die Start-ups prägt?

Ja, eine Unternehmensgründung wird in der Szene wie ein Experiment gesehen. Auch weil sie oft mit Venture Capital finanziert wird, also von Kapitalgebern, die es gewohnt sind, dass ein Großteil der Start-ups scheitern, gibt es da so ein grundsätzliches Verständnis, das sich in dem Slogan „fail fast“ widerspiegelt. Nach der Devise: Wir haben eine tolle Idee, aber wir wissen nicht, ob sie funktioniert.
Wir müssen es einfach ausprobieren. Wir können lange recherchieren, oder es einfach mal machen. Wir sprinten jetzt mal zwei, drei Jahre und schauen, ob der Markt darauf anspringt. Man ist da generell experimentierfreudig. Zu scheitern ist Teil des Konzepts und das wissen die Gründer, die Mitarbeiter und die Investoren.
Deshalb finde ich, man sollte viel ausprobieren, man sollte schneller und damit dann ja auch günstiger scheitern können. Um diese so wichtige Geschwindigkeit bei der Validierung von möglichen Unternehmensideen auf die Straße zu bringen, haben wir die Founders Foundation ins Leben gerufen. Hier begleiten wir Unternehmertalente clever und zielgerichtet. In dem „Safe Space“ der Founders Foundation bekommen sie den Raum und Support, ihre Hausaufgaben zu machen und so solide Businessmodelle zu entwickeln. Scheitern ist bei uns zwar Teil des Konzepts, aber eben eher ein kleines Scheitern: Wenn eine Idee nicht funktioniert, ist das per se nicht schlimm, denn die Gründerinnen und Gründer haben Zeit, ihre Idee zu hinterfragen und zu verbessern und dann noch einmal den Schritt in den Markt zu wagen. Die Founders Foundation ist einfach ein Traum, weil man da im geschützten Raum scheitern kann und daraus lernt. Scheitern und lernen ist für uns eigentlich der gleiche Begriff.
 

Sind Start-ups in der Founders Foundation auch mal spektakulär gescheitert?

Spektakulär gescheitert ist leider ein Gründer ganz am Anfang. Der hatte eine sehr visionäre Idee im Bereich der Künstlichen Intelligenz und konnte auch viele Investoren gewinnen, aber er hat das Produkt nicht richtig gut validiert. Er hatte eine starke Vision, wollte aber sofort in die USA expandieren, nicht erst den lokalen Markt testen und hat leider auch alle Ratschläge ignoriert. Die erfolgreichen Gründer sind reflektierter und überlegen, wie sie ihr Geschäft entwickeln. Aktuell haben wir einige Start-ups, die sich super entwickeln. Angefangen bei einem Spin-off vom CITEC der Uni Bielefeld, Semalytix, einem Start-up, bei dem Roboter Texte über Patientenerfahrungen mit Medikamenten lesen und verstehen können. Bis hin zur Firma Valuedesk, einer Plattform, auf der Ein- und Verkäufer die Bedürfnisse besser abgleichen können. Ich lerne jeden Tag dazu und bin beeindruckt, welche gigantischen Möglichkeiten es gibt. Gerade im Bereich der Digitalisierung lassen sich noch unglaubliche Geschäftsmodelle entwickeln. Da stehen wir noch ganz am Anfang. Ich glaube, dass wir so in fünf Jahren das erste Unicorn haben werden – eine Firma, die eine Milliardenbewertung hat.

Ohne Mut zu scheitern, sind eigentlich keine Innovationen möglich. Würden Sie diesen Satz unterschreiben?

Ja, genau. Wenn sich nicht immer wieder Menschen Gefahren ausgesetzt hätten und einen Schritt weitergegangen wären als alle anderen, dann würden wir noch in Höhlen leben. Eine Gesellschaft braucht Menschen, die außerhalb ihrer Komfortzone denken, über den Tellerrand schauen, etwas wagen. Wenn wir alle nur machen, was wir schon kennen, dann hören wir auf, uns zu entwickeln. 

Sie haben prägende Jahre in New York verbracht. An der NYU studiert und aktiv in der jungen Start-up-Szene mitgewirkt. Gibt es in den USA eine andere Haltung zum Scheitern?

Ich glaube, dass Amerikaner eine Grundoffenheit haben, eine positive Einstellung gegenüber neuen Dingen. Das ist so eine angenehme Oberflächlichkeit. Wenn ich in Amerika jemandem erzähle, dass ich eine Schule für Unternehmensgründer mache, heißt es „oh really, sounds great“. In Deutschland hingegen kommen sachliche Fragen nach dem Erfolg. Ich meine, es ist wichtig, eine Kultur zu haben, die es grundsätzlich positiv beurteilt, einfach mal Ideen zu haben. Außerdem gibt es in den USA natürlich viele große Firmen wie Apple oder Microsoft, die alle entstanden sind, weil es viel Kapital und ein positives Denken für diese Geschäftsideen gab. In Deutschland sind wir mehr auf Substanz fokussiert und nicht auf die großen Visionen, aber wir brauchen am Ende beides.

Apropos Kapital: Bräuchte es hierzulande auch mehr Mut bei den Investoren?

Ja, absolut. Unser Bankensystem ist generell nicht darauf ausgelegt, Innovationen zu fördern. Es ist darauf ausgelegt, Geschäftserweiterungen oder bestehende Unternehmen zu finanzieren, wenn die etwa eine neue Halle brauchen. Aber wenn jemand zum Beispiel eine Software für Künstliche Intelligenz entwickelt hat und jetzt mal zwei Millionen braucht, dann ist der Bankberater überfordert. Dass klassische Banken so etwas nicht finanzieren, ist ein riesiges Dilemma. Das andere Extrem sind die bereits erwähnten Venture Capitals. Die geben sehr schnell Geld, wollen dafür aber auch massiv Anteile haben. Es gibt entweder einen ganz soliden Businessplan und Sicherheit oder man ist extrem visionär und in der Lage Venture Capital zu bekommen. Dazwischen klafft eine riesige Lücke.

Wie gehen Sie ganz persönlich mit Fehlern um?

Ich habe eine sehr offene Fehlerkultur und keine Scheu, Fehler zuzugeben. Seit frühester Kindheit habe ich in meiner Familie gelernt, zu den Dingen zu stehen, die man sagt und tut, und Verantwortung zu übernehmen, wenn man Risiken eingeht. Auch im Internat war meine Erfahrung: Wer zu seinen Fehlern gestanden und sich entschuldigt hat, kriegte eine kleinere Strafe als diejenigen, die sich weggeduckt haben (lacht). Manchmal bin ich überrascht, wie wenig Leute den Mut haben, Fehler einzugestehen. Dabei schafft man ja Vertrauen, und es ist ein elementarer Teil des Leaderships einfach mal Entschuldigung zu sagen. Das sind die Chefs von morgen. Der Normalfall ist aber leider oft, Fehler zu vertuschen oder anderen – von der Agentur über die Mitarbeitenden bis zum Markt – die Schuld zu geben.
 

Haben Sie selbst schon Fehler gemacht, die Sie bereuen?

Gute Frage. Die stelle ich selbst manchmal Leuten im Bewerbungsinterview. Aber eigentlich bereue ich nichts. Wenn etwas schiefgegangen ist, handle ich eher nach der Devise: wieder aufstehen, weitermachen und schauen, was ich daraus gelernt habe. Ich habe in meiner Vita einfach viel ausprobiert, mich in die Wellen geschmissen. Ich bin immer meinen Gefühlen gefolgt, meinen Impulsen, und habe versucht, mit Menschen gut zu sein. Was ich stark fühle, ist: Fehler bringen uns nach vorne. Keine Fehler machen zu wollen, bedeutet Stillstand. „Embrace failure“, das ist etwas ganz Wichtiges. 

 

Founders Foundation.

„Berlin ist tot. Es lebe Bielefeld.“ Dass ntv diese Schlagzeile brachte, liegt an der Founders Foundation. Seit ihrer Gründung hat sie über 500 Talente auf ihrem Weg zum erfolgreichen Unternehmen geschult. Hier ausgebildete Start-ups konnten bisher ca. 25 Millionen Euro Venture Capital einsammeln.

Daten & Fakten.

Februar 2016  Gründung der Founders Foundation gGmbH von Sebastian Borek, Dominik Gross undder Bertelsmann Stiftung
Mai 2016 Bezug des Founders Space mit 4 Mitarbeitenden und den ersten 4 Start-up-Teams
Juli 2017 Anstoß des Pioneers Clubs, einem Co-working Space auf 1.200 qm für Mittelständler, Start-ups und Digital Experts
Februar 2018 Erste Hinterland of Things Konferenz mit 530 Teilnehmenden
November 2018 Umzug in das neue Founders Home, das Gründerzentrum über 4 Etagen und 2.500 qm im Herzen der Bielefelder Altstadt
Juli 2019 Die erste Open Innovation City Deutschlands wird mit starken Netzwerkpartnern ins Leben gerufen
Februar 2020 Inzwischen dritte Hinterland of Things Konferenz mit über 420 Start-ups, 150 Future Founders, 500 Corporates und 150 Investorinnen und Investoren
"Scheitern und lernen ist für uns eigentlich der gleiche Begriff."