Jeder macht Fehler. Doch keiner macht sie gern. Sie sind eindeutig negativ besetzt und oft schwer zu akzeptieren. Wer gibt schließlich schon gerne persönliches Versagen zu? Prof. Dr. Gernot Horstmann, Kognitionspsychologe an der Fakultät für Psychologie der Universität Bielefeld, sieht das anders: „Der Mensch lernt aus Fehlern und zwar von klein auf. Sie sind eine große Chance, um besser zu werden.“ Erfolgreich angewandt wird dieses Lernprinzip daher nicht nur im Bereich Künstliche Intelligenz. Auch in Unternehmen ist eine positive Fehlerkultur maßgeblich für den persönlichen sowie unternehmerischen Erfolg.
Autorin: Corinna Bokermann
Ein Fehler wird vom Deutschen Institut für Normung als „Merkmalswert, der die vorgegebenen Forderungen nicht erfüllt“ definiert. So einfach, wie diese Definition vermuten lässt, ist die Einordnung von Fehlern jedoch nicht. Zumindest, wenn es um den Lernprozess beim Menschen geht, der aus Fehlern, aber auch Erfolgen lernt. „Es gibt verschiedene Lernformen. Das Lernen aus Konsequenzen ist neben dem Lernen über die Assoziationsbildung wesentlich“, erklärt Gernot Horstmann. Ein Kind, das zum Beispiel das Wort "Katze" von einem Erwachsenen lernt, verbindet das Wort mit dem, was es sieht: eine Katze. Gleichzeitig lernen Kinder selbstständig aus der Beobachtung von Tieren und bilden aus der Assoziation bestimmter Merkmale, wie Größe, Fellart oder Geräusch, ein zielführendes Cluster und können eine Katze schließlich nicht nur als solche einordnen, sondern auch von einem Hund unterscheiden.
Instrumentelles Lernen, das Lernen am Erfolg, ist für Menschen ein weiterer wesentlicher Bestandteil des Lernprozesses. „Die Frage ‚Was ist die direkte Konsequenz einer Handlung‘ steht dabei im Mittelpunkt“, erklärt Gernot Horstmann. Dieses Prinzip macht sich der Mensch auch beim Trainieren von Tieren zunutze. Denn auch Tiere lernen am Handlungserfolg und stellen ihr Verhalten darauf ein. Burrhus Frederic Skinner, einer der einflussreichsten Lernpsychologen seiner Zeit, zeigte unter anderem anhand von Versuchen mit Tauben, wie sich erwünschte Verhaltensweisen konditionieren ließen. Verhielten die Tiere sich so, wie Skinner es von ihnen wollte, wurden sie mit Futter belohnt. „Das mechanistische Lernprinzip funktionierte, die Tauben lernten aus ihrer Handlung“, so Gernot Horstmann.
Deutsches Institut für Normung
Im Kontext klassischer Lerntheorien stehen aber auch Erwartungen im Raum. Und zwar die Erwartung, dass ein bestimmtes Ergebnis erzielt wird. Denn: Je häufiger eine Handlung ausgeführt wird und zu einem positiven Ergebnis führt – so wie bei den Tauben – desto seltener treten „Fehler“ auf. „Das heißt, jeder lernt, was mit welchen Handlungen zu erreichen ist“, macht Gernot Horstmann deutlich. Unter Konditionierung versteht man in der Lernpsychologie daher Formen des Lernens von Reiz-Reiz-Assoziationen bzw. Reaktion-Reiz-Assoziationen, die durch die wiederholte Koppelung entstehen. Ein Beispiel: Betritt man eine Zahnarztpraxis und nimmt den Geruch von Desinfektion wahr, erzeugt diese Wahrnehmung ein weiteres Bild: den Schmerz beim Bohren. Hervorgerufen durch eine frühere Erfahrung. Das Wissen, welche Handlung in welcher Situation zu welchem Ergebnis führt – Reiz-Handlung-Reiz – fällt wiederum in den Lernbereich „Erwartungsketten“.
„Ein Kind, das in einer Kita einen Wutausbruch bekommt, weiß, dass es damit in der Kita eine andere Reaktion erzeugt als zuhause“, stellt Gernot Horstmann fest. Doch der Mensch lernt – wie viele Tiere auch – nicht nur aus Erfahrungen, sondern auch durch Beobachtungen. „Skinner hat dies damals noch nicht berücksichtigt“, so der Bielefelder Wissenschaftler mit Blick auf das für den Menschen wichtige Lernprinzip. Dabei sind Fehler, die andere begehen, von Vorteil. „Man muss sie nicht selber machen“, betont Gernot Horstmann, „Sie bieten eine kostenlose Möglichkeit zu lernen.“ Mit dem nötigen Abstand kann man sehen, was falsch lief, und ist dann fähig, daraus Schlüsse zu ziehen. Die Erfinder der Fuck-up-Nights haben also alles richtig gemacht. Im Übrigen braucht es noch nicht einmal die direkte Beobachtung eines Fehlers. Auch ein Film oder eine Erzählung ermöglichen es uns, durch Beobachtung bzw. Erzähltes zu lernen. Auch wenn man nicht immer alle Informationen hat, die man vielleicht
bräuchte. „Beobachtungslernen zeichnet uns Menschen aus und ist ein Prinzip, auf dem unser Bildungssystem ruht“, erklärt Gernot Horstmann. Dadurch lässt es sich schneller, effizienter und eben – „kostenlos“ – lernen. Gleichzeitig sind Fehler wichtig fürs Lernen. „Nur wer Fehler macht, kann auch Neues herausfinden“, unterstreicht der Bielefelder Wissenschaftler. Ein kurzer Blick in die Geschichte bahnbrechender Erfindungen ist dafür der beste Beweis. Immer aber braucht es eine Risikoabwägung, bei der die Frage im Raum steht: Ist der Vorteil größer als die Kosten eines potenziellen Fehlers? Völlig risikolos und daher wie gemacht für Fehler sind deshalb Schulungen oder Trainingssituationen. Mithilfe von Rollenspielen lassen sich künstlich Situationen erzeugen, in denen man sich Fehler erlauben kann. Schließlich wiegen Fehler in einem gestellten Verhandlungsgespräch oder im Training weniger schwer. Erwartungsgemäß werden sie zu einer Quelle des Lernens.
Irren ist allzu menschlich. Menschen begehen beim Handeln in komplexen Situationen Fehler. „Ob Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Sprachverstehen oder Informationsverarbeitung – an jedem dieser Punkte sind Fehler möglich“, listet Gernot Horstmann potenzielle Fehlerquellen auf. Ein Klassiker: Der gesuchte Schlüssel wird übersehen, weil in der Schublade viele andere Dinge liegen. Auch das Sprachverstehen birgt zahlreiche Fehlerquellen: Umgebungsgeräusche, Nuscheln, aber auch das richtige Erkennen einer Aussage oder eines Gesprächs sind Faktoren, die das Sprachverstehen erschweren. Und natürlich spielt uns auch unser Gedächtnis Streiche. Die Erinnerung ist zwar vorhanden, aber man kommt nicht dran, ordnet Infos falsch zu, schätzt Situationen falsch ein und wählt damit auch eine falsche Handlung aus. Darüber hinaus ist auch die Informationsverarbeitung ein entscheidender Punkt, in deren Verlauf an verschiedenen Stellen Fehler auftreten können. „Dann ist zwar die Handlung bzw. Maßnahme richtig ausgeführt, aber eben nicht gut geeignet, um das angestrebte Ziel zu erreichen“, macht Gernot Horstmann an einem Beispiel deutlich. „Geht es zum Beispiel darum, Geschäftsprozesse zu verbessern, ist die Idee grundsätzlich gut. Richtet sich die Aktivität dann aber auf die Optimierung der Produktion während eigentlich die Verwaltung in den Fokus gerückt werden müsste, ist die Maßnahme nicht hilfreich und damit auch ein Fehler.“
Interessant ist die Sichtweise auf das Lernen im Zusammenhang mit dem Konzept eines Fehlers. Denn auch Erwartungen werden gelernt. „Greifen wir auf das Beispiel mit der Katze und dem Kind zurück: Da das Gehirn kontinuierlich Vorhersagen macht, erwartet ein Kind, das eine Pfote sieht, eine Katze“, erklärt Gernot Horstmann. Trifft das Erwartete nicht ein, ist das eine wichtige Info für das Gehirn. Auch maschinelles Lernen, also Künstliche Intelligenz, basiert auf dieser elementaren Lernform. „Man setzt auf Fehler, denn Lernen findet nur so lange statt , wie Fehler gemacht werden. Dadurch werden im späteren Verlauf letztendlich Vorhersagefehler minimiert und vermieden“, so Gernot Horstmann. Fehler sind also Input im Lernmechanismus, die entsprechende Kategorisierung anzupassen, so dass am Ende nur noch sehr selten Fehler auftreten. Mechanistisches Lernen funktioniert – im Vergleich zum Lernprozess des Menschen – daher entsprechend schnell. Die Assoziation von Merkmalen und Vorhersagen wird kontinuierlich angepasst. „Ganz hirnlos. Emotionen spielen dabei keine Rolle“, bringt Gernot Horstmann die Funktionsweise von KI auf den Punkt und benennt damit auch den Unterschied zwischen Maschine und Mensch.
Machen Menschen Fehler, ist nämlich eines ganz offensichtlich: Fehler verursachen Emotionen. Allerdings rufen Fehler anderer deutlich weniger Emotionen bei uns hervor, als es eigene Fehler tun. Immer aber ist die Bandbreite an Reaktionen breit gefächert. So kann ein Fehler beispielsweise für Überraschung sorgen, wenn man ihn nicht hat kommen sehen; man erlebt Hoffnung, wenn man nach einem Fehler auf eine positive Wendung vertraut, eventuell Enttäuschung, wenn sich diese nicht einstellt, und Resignation, wenn die Situation durch den Fehler unkontrollierbar scheint. Auch Beschämung und Traurigkeit stellen sich oft nach Fehlern ein. Sie spiegeln die eigene Betroffenheit. „Fehler scheinen häufig einen Makel zu offenbaren und das wirkt sich auf das Selbstbild aus“, so Gernot Horstmann. „Darauf sind wir oft nicht so gut vorbereitet, denn der Wunsch, einen guten Selbstwert zu haben, ist menschlich.“ Die unterschiedliche Situationseinschätzung trägt jedoch dazu bei, wie man mit Fehlern umgeht. „Sich über einen Fehler zu ärgern, muss nicht negativ sein“, unterstreicht der Bielefelder Wissenschaftler. „Ärger kann auch Antrieb sein, um die Situation wieder kontrollierbar zu machen und zu wenden.“
Auch wenn Emotionen häufig als störend und unwillkommen empfunden werden, haben sie ihren Zweck. „Obwohl sie – und das mag widersprüchlich klingen – in der Situation selbst zunächst nicht immer hilfreich zu sein scheinen“, sagt Gernot Horstmann. „Sie dienen dazu, den Kopf frei zu bekommen und für die Zukunft vorzubeugen – denn ein Aspekt ist es ja, aus Fehlern zu lernen.“ Emotionen helfen also bei der Analyse. Sie zu regulieren, kann dennoch hilfreich sein. Entweder indem man sie abschwächt oder auch verstärkt. Große Sorgen zu minimieren, führt beispielsweise dazu, besser denken zu können und damit auch handlungsfähig zu bleiben. Während Sportler, die vor einem Wettkampf stehen, ihre Aggressivität erhöhen, um leistungsfähiger zu sein. Mensch meist vermeiden. „Wenn jemand einen Fehler macht, möchte er ihn keinesfalls wiederholen“, weiß der Wissenschaftler und blickt bereits auf den nächsten Step. Hier geht es um die Situationsbewertung. „Es ist wenig hilfreich, lange zu grübeln, wie es zu einem Fehler gekommen ist. Wichtiger ist es, aus der Lageorientierung wieder herauszukommen und zu erkennen, welche Handlungsmöglichkeiten es gibt“, so Gernot Horstmann. Daraus erwächst Zutrauen, dass man künftig ähnliche Situationen vermeiden oder auch Einfluss nehmen kann, um Situationen zu verändern. Denn handlungsorientiert zu agieren bedeutet handlungsfähig zu sein.