Neulich stolperte ich über einen Satz in einer Stellenausschreibung: „Sie streben fehlerfreies Arbeiten an.“ Noch nachdem ich alle weiteren Anforderungen an den Bewerber (m/w/d) gelesen hatte und schon längst mit etwas anderem beschäftigt war, hallte dieser Satz lange nach. Das ist doch eigentlich eine Selbstverständlichkeit, dass man in seinem Job Fehler vermeidet, dachte ich. Und weiter: Was hat das Unternehmen veranlasst, diese Voraussetzung zu formulieren? Wie würde der potenzielle Arbeitgeber damit umgehen, wenn Mitarbeitende Fehler machen? Was bedeutet das für das Betriebsklima? Wie steht es um die Kreativität, wenn man ständig auf der Hut ist, bloß keinen Fehler zu machen?
Autorin: Eike Birck
Fehler sind ärgerlich – keine Frage. Doch in den wenigsten Fällen werden sie absichtlich gemacht. Manchmal passieren sie einfach. Sei es aus Unwissenheit, Unachtsamkeit, Vergesslichkeit oder aus Faulheit. Das ist zutiefst menschlich. Keiner kann alles wissen, ist immer zu 100 Prozent konzentriert, denkt ständig an alles oder ist 24/7 hoch motiviert. Wir sind eben Menschen und keine Maschinen. Bei denen heißen Fehler übrigens „technischer Defekt“. Selbstverständlich gibt es Fehler, die weitreichende Konsequenzen haben. Denkt man beispielsweise an Ärzte. Aber auch Fehler von Piloten, Fluglotsen, Busfahrern, Architekten, Ingenieuren, Monteuren, Chemikern und vielen anderen können die Sicherheit anderer Menschen gefährden. Man darf eigentlich gar nicht darüber nachdenken, was alles passieren könnte, wenn Menschen ihren Job nicht richtig machen. Dann würde man das Haus wahrscheinlich gar nicht mehr verlassen. Aber ist mein Haus wirklich ein sicherer Ort? Was, wenn der Dachstuhl einstürzt oder ein Lkw an der stark befahrenen Bundesstraße, an der ich wohne, die Spur nicht halten kann? In diese Gedankenspirale kann man sich tatsächlich reinsteigern. Aber in den meisten Fällen bleiben die Worst-Case-Szenarien aus und man stellt fest: Es geht erstaunlich wenig schief.
Fehler passieren – immer und überall. Unser Umgang mit ihnen ist das, was uns ausmacht. Das ist allerdings oft nicht so einfach. Schon früh lernen wir, dass Fehler etwas zutiefst Schlechtes sind. Allein der Begriff „Fehlerteufel“ weckt böse Assoziationen. Aber mal Hand aufs Herz: Fehler machen zuweilen auch sympathisch. Sie sind ein Teil von uns, den wir akzeptieren müssen. Das gilt auch für den eigenen Körper. Beunruhigend ist der Trend, dass sich schon Teenager die Nase oder andere Körperteile operieren lassen. Oder jedes Selfie durch zig Filter und Bildbearbeitungsprogramme jagen, um einem perfekten Bild zu entsprechen. Daran ist nichts mehr echt, nichts mehr menschlich. Geht das so weiter, sehen bald alle gleich aus – zumindest in der virtuellen Welt. Wie langweilig! Gerade dass wir alle unterschiedlich aussehen, verschieden ticken, das ist das Salz in der Suppe, das uns voranbringt. Sie kennen das alte Sprichwort: „Ein Fehler ist erst dann ein Fehler, wenn man ihn zweimal macht“? Denn der Mensch macht nicht nur Fehler, sondern die meisten von uns haben die Fähigkeit, aus Fehlern zu lernen. Das setzt jedoch einen offenen Umgang mit ihnen voraus.
Werden Fehler vertuscht, bleibt alles beim Alten – und dieselben Fehler wiederholen sich. Werden sie jedoch offen angesprochen, besteht die Chance, Strukturen, Abläufe und Prozesse zu verändern – sie sicherer zu machen. Diese Lernkurve kommt nicht nur dem Einzelnen zugute, sondern der ganzen Gesellschaft.
Geht es um Fehlerkultur, schielen die Deutschen oft heimlich und nicht ohne Neid über den Großen Teich Richtung USA. „Woher kommt eigentlich die verrückte Idee, dass man in der Führung nur genügend Fehler machen müsste, und irgendwann hebt die Karriere ab wie ein Senkrechtstarter?“, fragt Carsten K. Rath in seinem Artikel auf 'welt online'. Sie kommt seiner Ansicht nach aus dem Silicon Valley. Dort, so scheint es, werden Menschen reihenweise zu Konzernlenkern oder Start-up-Milliardären, weil sie die richtigen Fehler gemacht haben.
Das hat auch die hiesige Start-up-Szene erkannt und feiert die Kultur des Scheiterns. Großer Beliebtheit erfreuen sich die bewusst provokativ derb betitelten „Fuck-up-Events“. Hier schildern junge Unternehmer – seltener sind es Unternehmerinnen –, warum ihre Gründung nicht funktioniert hat. Das eröffnet viele Möglichkeiten, psychologisch und ganz pragmatisch. Wer weniger Scheu hat, Fehler zu machen, der ist im Kopf freier, arbeitet kreativer und traut sich einfach mehr, wenn er oder sie mit einer Toleranz gegenüber Fehlern rechnen darf. Dadurch und nicht zuletzt durch die Fehler selbst sind schon die dollsten Sachen erfunden worden. Denn Fortschritt ist nicht selten eine gute Kombination aus diszipliniertem Forschen und wildem Ausprobieren.
Das klingt für Deutschland noch nach Neuland. Wirtschaftspsychologe und Fehlerforscher Michael Frese untersucht schon seit den Siebzigerjahren, wie verschiedene Kulturen mit Fehlern umgehen. Vor einigen Jahren veröffentlichte er eine Studie, die Deutschland in puncto Fehlertoleranz Platz 60 zuwies, nur Singapur war noch intoleranter. Fehler und Misserfolge sind unerwünscht und werden unnachsichtig geahndet.
Warum fällt es so schwer, Fehler zuzugeben? Man schämt sich für seine Unzulänglichkeit. Fehler sind peinlich. Und man fürchtet Konsequenzen. Die Auseinandersetzung mit dem Kollegen oder die Schelte vom Chef – schlimmstenfalls auch noch öffentlich vor der Belegschaft –, das braucht man so dringend wie eine Wurzelbehandlung ohne Betäubung. Je höher die Position und damit die karrieremäßige Fallhöhe ist, desto schwerer fällt es offenbar, sich und der gesamten Öffentlichkeit einzugestehen, dass man einen Fehler gemacht hat. Das ist gerade in der Politik gut zu beobachten. Maskenaffäre, Maut-Desaster und Plagiatsvorwürfe, um nur einige Beispiele zu nennen. Auch im Diesel-Skandal hat sich die Konzern-Führungsriege wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert. Es fehlt in Deutschland also auch an nachahmenswerten Vorbildern. Menschen, die Fehler zugeben und Verantwortung übernehmen.
Dazu gehört auch eine Entschuldigung – aber eine aufrichtige. Sich wegzuducken oder gar jemand anderem die Schuld in die Schuhe zu schieben, ist nicht nur unaufrichtig, unkollegial, sondern zutiefst unsympathisch und zerstört Vertrauen.
Politikerinnen und Politiker sind in dieser Hinsicht oft schlechte Vorbilder, denkt man beispielsweise an die Salami-Taktik bei der Guttenberg-Affäre: erst die schroffe Leugnung der Plagiatsvorwürfe, um dann – je mehr Vorwürfe ans Tageslicht kamen – nach und nach Versäumnisse, dann Fehler zuzugeben; gespickt mit juristischen Spitzfindigkeiten. Schließlich ging es um Betrug mit strafrechtlichen Konsequenzen. Die meisten Fehler, die wir machen, haben wahrscheinlich nicht solch weitreichende Folgen.
Und wenn man vielleicht an eigene Fehler zurückdenkt, die man eingestanden und für die man sich entschuldigt hat, so kommt vielleicht die Erkenntnis, dass die ganze Angelegenheit gar nicht so schlimm war wie befürchtet. Vielleicht stieß man sogar ganz unverhofft auf Verständnis – und im besten Fall wird ein Running Büro-Joke daraus. Ja, manchmal kann man sogar auch über Fehler lachen. Denn die meisten sind gar nicht so ernst wie gedacht. Das macht den Weg frei für konstruktives Handeln und neue Lösungen. Und ganz nebenbei hebt es die Stimmung im Betrieb ganz ungemein.
P.S. Dieser Artikel wurde mit größter Sorgfalt verfasst und Korrektur gelesen. Dennoch bin ich mir sicher, dass Sie Fehler finden werden. Die dürfen Sie gern behalten oder schreiben Sie uns.
- Winston Churchill