Nichts wie rüber.
Brücken prüfen.

Allein 960 Brücken gibt es in Berlin. Die älteste noch erhaltene, und die einzige der früheren insgesamt neun baugleichen Klappbrücken Berlins, ist die Jungfernbrücke. Eröffnet 1798 überspannt sie in Mitte den ehemaligen Spreeverlauf und
heutigen Kupfergraben. Für Rico Thumeyer und Michael Förster ist sie eine unter vielen. „Für die ein oder andere legen wir auch schon mal eine Nachtschicht ein“, sagen die Experten für Bauwerksprüfungen der Bockermann Fritze Ingenieur-
Consult GmbH. Sie nehmen Brücken regelmäßig unter die Lupe und suchen nach möglichen Schäden. Sicher ist sicher.


Autorin: Corinna Bokermann

"...die Wahrscheinlichkeit, dass
in Deutschland eine Brücke spontan
versagt, geht gegen null."

RICO THUMEYER
Bauingenieur und Niederlassungsleiter in Berlin-Brandenburg
bei Bockermann Fritze IngenieurConsult.





Foto: © Mandy Göhler

Ob klein oder groß, ob Holz-, Betonoder Stahlbrücke – sie alle kommen in die Jahre. Und wie das mit dem Alter
so ist, stellen sich auch Unzulänglichkeiten ein. Um diesen auf die Spur zu kommen, gibt es Bauwerksprüfungen. Abhängig von der Brückenart rücken bei einer Bauwerksprüfung nach DIN 1076 unterschiedliche Aspekte in den Fokus. „Bei Stahlbrücken treten durch Wasser und Luft zum Beispiel Probleme durch Rost auf. Bei Holzbrücken verursacht Wasser die Bildung von Pilzen und das Holz fängt an zu faulen. Häufig finden wir an Betonbrücken Betonabplatzungen, wo auch mal die Bewehrung freiliegt“, skizziert Rico Thumeyer mögliche Schäden an den Bauwerken, nach denen er gemeinsam mit seinem Kollegen Michael Förster in ganz Deutschland sucht. Jedes Ingenieurbauwerk – dazu zählen Brücken – wird in Deutschland regelmäßig fachkundig geprüft. Hauptprüfungen bei Brücken gibt es, wie einfache Prüfungen auch, alle sechs Jahre. „Da diese zeitversetzt stattfinden, prüfen wir jede Brücke also alle drei Jahre“, stellt Rico Thumeyer fest.

Als Brücken gelten nach DIN 1076 übrigensalle Überführungen eines Verkehrswegesüber einen anderen Verkehrsweg,über ein Gewässer oder über tieferliegendesGelände, wenn ihre lichte Weitezwei Meter oder mehr beträgt. Die einfacheBauwerksprüfung findet ohne Gerätestatt, bei einer Hauptprüfung wirdallerdings alles an erforderlichen Gerätschaftenaufgefahren: vom Hubsteigerüber Brückenuntersichtsgeräte, Zweiwegefahrzeugebis hin zu Ponton, Bootoder Schiff. Bei Schrägseilbrücken werdenzusätzlich Seilbefahrungen durchgeführt.„Wir prüfen jeden Quadratmeterhandnah, prüfen alles, was sichtbar ist.Auch kleine Demontagen, zum Beispielzur Lagermessung, sind Bestandteil einerHauptprüfung“, erklärt Michael Förster,Experte für die Bauwerksüberwachung.Er hat immer eine Kamera parat, umSchäden zu dokumentieren. „Im Rahmenvon Sonderprüfungen und wenn es derAuftrag vorsieht, sind auch größere Demontagenmöglich. Denn sind Bauteileverdeckt, können wir natürlich auch keinenmöglichen Mangel feststellen. Dahergibt es bereits im Vorfeld, währendder Bauphase, eine kontinuierliche Bauüberwachung“,ergänzt Dipl.-Ing. RicoThumeyer, der 2015 bei BockermannFritze IngenieurConsult eingestiegen istund die Niederlassung in Berlin-Brandenburgleitet.

Im Zeitraum zwischen den einzelnen Prüfungenwerden Ingenieurbauwerke wieBrücken drei Mal jährlich zur Besichtigungbzw. Beobachtung angefahren.Hierbei wird das Ingenieurbauwerk augenscheinlichauf Veränderungen geprüft.„Wir schauen nach groben Schädenund Mängeln, die unter anderem dieVerkehrssicherheit beeinträchtigen könnten“,so Michael Förster, der zunächst imBereich Straße und Verkehr und seit 2009 im Bereich Bauwerksprüfung arbeitete.Der Blick gilt Schlaglöchern in der Fahrbahn,deren Tiefe ein wichtiges Kriteriumdarstellt, aber auch Kanaldeckeln, Gehwegen,Abplatzungen am oder Rissen imBeton sowie Verformungen am Geländer– Rico Thumeyer und Michael Försterhaben einen Blick fürs Detail. Die Frage,wie sich die einzelnen Schäden auf die Dauerhaftigkeit, Stand- und Verkehrssicherheiteines Bauwerks auswirken, istdabei das Maß aller Dinge für die beidenKontrolleure. „Wenn beispielsweise Gehwegplattenabsacken und sich dadurchfür Fußgänger Stolperkanten ergeben,sind diese ein Problem für die Verkehrssicherheit“,so die Profis, die jedes Bauteiluntersuchen.

Um das Bauwerk abschließend bewertenzu können, werden die Schäden dem jeweiligenBauteil zugeordnet und kategorisiert,denn sie beeinflussen – je nach Artund Ausprägung – die Dauerhaftigkeit,die Stand- und die Verkehrssicherheit.„Unser Ziel ist es, den Zustand der Brückegenau einzuordnen, um im Bedarfsfallsofortige Maßnahmen einleiten zukönnen“, so Rico Thumeyer. „Große Rissesind immer ein Indiz dafür, dass etwas ander Brücke nicht gesund ist.“

Die Dauer einer Brückenprüfung variiertdabei je nach Bauwerk. Für eineBrücke über einen kleinen Bach veranschlagendie Profis zwischen einer unddrei Stunden. „Für die 932 Meter langeRudolf-Wissell-Brücke in Berlin benötigenwir dagegen schon mal mehrere Wochen“,stellt Rico Thumeyer fest. Und danachts auf Straße und Schiene – sowohlim Personen- als auch im Güterverkehr– weniger los ist, gibt es für die beidenBauwerksprüfer auch Nachtschichtenoder Wochenenddienst. „In Berlin ist dieStadtautobahn mehrmals im Jahr nachtsabschnittsweise gesperrt“, erzählt RicoThumeyer, der die abwechslungsreicheArbeit schätzt. „Diese Vollsperrung organisiertimmer die Autobahn GmbH,um zum Beispiel Ausbesserungen an derFahrbahn vorzunehmen. Wir klinken unsda mit der Bauwerksprüfung ein. Dannarbeiten wir von 22 Uhr bis 5 Uhr amnächsten Morgen.“

Besonders spannend finden die beidenExperten allerdings Sonderprüfungen.Die betreffen unter anderem Spannbetonbrückenälteren Baujahrs. „Dort könnenSchäden plötzlich und ohne Vorankündigungauftreten. Wenn sich dortSprödbrüche einstellen oder mehrereSpannglieder reißen, ist Feierabend unddie Brücke verkehrstechnisch nicht mehrbrauchbar“, betont Rico Thumeyer. „DieseBrücken kontrollieren wir jährlich.“ Eineder markantesten ist derzeit die Elsenbrückein Berlin. Die im Jahr 1968 eröffneteStraßenbrücke, die die beiden BezirkeFriedrichshain-Kreuzberg und Treptow-Köpenick miteinander verbindet unddie Spree überspannt, ist unter ständigerBeobachtung. Sie wird alle zwei Wocheneiner Sonderprüfung unterzogen, um eineventuell einsetzendes Versagen möglichstzeitnah zu erkennen. Aufschlussreichfür die Bauwerksprüfer ist dabeidas Rissverhalten im Spanngliedverlauf.Erst im letzten Jahr wurde hier das erstevon zwei Brückenteilbauwerken abgerissen.Bei der Hauptprüfung 2018 – RicoThumeyer und Michael Förster waren mit einem Prüfschiff des Senats unterwegs– entdeckten sie einen etwa 25 Meterlangen und knapp zwei Millimeter dickenRiss in der Brückenkonstruktion. DieSpannglieder, also dicke Stahlseile, diedie Konstruktion auf Spannung halten,waren im Inneren der Brücke gerissen.„Doch keine Angst“, entwarnt Rico Thumeyer,„die Wahrscheinlichkeit, dass inDeutschland eine Brücke spontan versagt,geht gegen null.“ Für Sicherheit ist auchbei der Elsenbrücke inzwischen gesorgt.Sie ist, zusätzlich zu den Sonderprüfungen,durch den Einbau von Sensoren inein Monitoring-System eingebettet. Dennein Ausfall dieser wichtigen innerstädtischenVerkehrsachse würde erheblicheProbleme nach sich ziehen.

Übrigens: Hätte Rico Thumeyer einenWunsch in Sachen Brückenprüfung frei,würde er gern einmal die Rügen- und dieRügendammbrücke, welche das Festlandbei Stralsund mit der Insel Rügen verbinden,prüfen. „Das würde mich durchausreizen“, stellt der Bauingenieur mit Weiterbildungzum Bauwerksprüfer fest. Undauch Michael Förster lässt Brücken nichteinfach mehr links liegen, wenn er sie privatpassiert. „Wenn ich unterwegs bin,geht mein prüfender Blick automatischvon der Übergangskonstruktion über dieLager bis zum Geländer.“

Fotos: © Mandy Göhler