Wo Wohnraum fehlt.

Die Bau- und Siedlungsgenossenschaft für den Kreis Herford eG (kurz B&S) wurde 1937 in Zeiten großer Wohnungsnot gegründet, um breite Schichten der Bevölkerung mit bezahlbarem Wohnraum zu versorgen. Diesem sozialen Auftrag ist sie bis heute verpflichtet. Wie sich die aktuelle Situation im Kreis Herford darstellt, ­verrät ­Vorstandsvorsitzende Petra Eggert-Höfel im Interview.

Autorin: Stefanie Gomoll

Petra Eggert-Höfel
Vorstandvorsitzende der Bau- und Siedlungsgenossenschaft für den Kreis Herford eG.

Wo und für wen fehlt es an Wohnraum?

Es fehlt vor allem an kleinen, barrierefreien und bezahlbaren Wohnungen, möglichst mit guter Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr. Mittlerweile fehlen im Mietbereich aber auch Wohnungen für Familien, also mit vier bis fünf Zimmern. Das wäre eigentlich die klassische Klientel für ein Eigenheim, aber viele wollen oder können sich das nicht leisten.

Gibt es bestimmte Stadtgebiete, wo der Bedarf besonders groß ist?

Wir merken, dass der Wohnungsbedarf, den es im Oberzentrum Bielefeld gibt, überschwappt. Da Bielefeld sehr teuer geworden ist, verändern sich die Marktsituationen in angrenzenden Gemeinden. Allerdings bestimmt die Nachfrage den Preis, also ziehen auch die Grundstückspreise im Kreis Herford an.

Liegt die Wohnraumknappheit auch an den gestiegenen Ansprüchen?

Ja, auch. Die typischen Nachkriegsbauten in den 60ern boten 3-Zimmer-Wohnungen mit 75 qm, das reichte für eine Familie. Heute gehören eigene Kinderzimmer zum Standard und jede Person hat statistisch gesehen eine Wohnfläche von rund 40 qm zur Verfügung. In diesem Zusammenhang wird ja gerade über Einfamilienhäuser diskutiert, die einen hohen Flächenverbrauch haben. Genossenschaftliche Wohnprojekte mit sogenannten „Shared Spaces“ sind hier oftmals die bessere Alternative.


 

Täuscht der Eindruck oder entstehen im Kreis Herford gerade viel mehr teure Eigentumswohnungen als sozialer Wohnungsbau?

Der Eindruck stimmt. Wer in „Betongold“ investiert, für den sind teure Eigentumswohnungen natürlich lohnender als öffentlich geförderte Mietwohnungen.

Wohnen ist ein Menschenrecht. Was müsste die Politik tun, um das durchzusetzen?

In NRW gibt es zum Glück eine aktive Wohnraumförderung, die mittlerweile auch in ländlichen Gebieten ankommt. Gut wäre es, wenn es eine feste Quotenregelung an öffentlich gefördertem Wohnungsbau bei neuen Baugebieten geben würde. Dann ginge es nicht nur um Gewinnmaximierung und das würde zudem die soziale Durchmischung im Quartier fördern. Aber auch andere Fragen stellen sich: Warum muss es etwa eine Mehrwertsteuer auf Bauleistungen für öffentlich geförderten Wohnungsbau geben? Fiele die weg, könnten die Wohnungen günstiger erstellt werden. Zu rigide Vorgaben, beispielsweise zur durchgängigen Barrierefreiheit, treiben dagegen die Kosten in die Höhe.

Welchen Beitrag leistet die B&S, um die Wohnraumsituation im Kreis Herford zu entspannen?

Wir investieren jedes Jahr rund 2,5 Millionen in die eigenen Bestände, um die Gebäude, zum Beispiel durch energetische Sanierung, zukunftsfähig zu halten. Wir haben einen Bestand von 1.400 Wohnungen, verteilt über alle neun Gemeinden des Kreises. Etwas mehr als ein Drittel davon ist öffentlich gefördert. Jährlich sollen bis zu 30 neue Wohnungen entstehen, aber die Rahmenbedingungen sind derzeit sehr schwierig: Die Baupreise sind massiv gestiegen, es fehlen Handwerker und auch geeignete Grundstücke sind schwer zu finden.

Warum ist es eigentlich so schwer, den Bedarf an Wohnraum richtig einzuschätzen?

Noch Anfang der 2000er hat man gedacht, dass die Bevölkerung schrumpfen würde. Man hat den demografischen Wandel falsch eingeschätzt und gesagt: Deutschland ist gebaut. Dass man in dem Zuge Wohnraum privatisiert und Förderungen zurückgefahren hat, war sicherlich rückblickend eine falsche Entscheidung. Doch den Wandel, etwa durch die Zuwanderung, in einer globalen Welt einzuschätzen, ist sehr schwer. Wohnungsbau ist ein langfristiges Projekt, das jedoch auf eine kurzfristige Nachfrage trifft.