Über Generationen hatte der Autoverkehr in unseren Städten Vorfahrt. Städteplanung wurde konsequent an den Bedürfnissen des motorisierten Individualverkehrs ausgerichtet. Für ein lebenswertes urbanes Umfeld künftiger Generationen braucht es nicht nur angesichts des Klimawandels Alternativen. Ein Blick in die Niederlande zeigt, was möglich ist. An die Straße verlorener Stadtraum ist in Utrecht und im benachbarten Houten längst Geschichte. Räder fahren hier auf der Überholspur.
Autorin: Corinna Bokermann
ERIC RISTERS Bauzeichner bei Bockermann Fritze IngenieurConsult, absolviert zurzeit berufsbegleitend eine vierjährige Weiterbildung zum Bautechniker
In den Niederlanden geht das, was in Deutschland nicht geht“ titelte unlängst der Stern. In Utrecht wird deutlich, was damit gemeint ist. Früher führte eine vierspurige Autobahn durch die niederländische Stadt. Heute ist es eine Wasserstraße, die Utrecht auf die Überholspur katapultiert: mit Wasser- statt Asphaltfläche. „Der Kanal, eine große Gracht, von Häuserzeilen gesäumt, besitzt Charme und bietet mit Restaurants und Cafés zudem Aufenthaltsqualität“, so Annette Gieselmann, Fachbereichsleiterin Stadt, Straße, Verkehr bei Bockermann Fritze Ingenieur- Consult. Sie organisierte mit ihrem Team eine zweitägige Exkursion in die fahrradfreundliche Stadt, um die Radverkehrsinfrastruktur – auch mit dem Fahrrad – live zu erleben. „Als Verkehrsingenieurinnen und -ingenieure sind wir gefordert, künftige Entwicklungen und Bedarfe zu erkennen und Lösungen für die Planung fahrradgerechter Städte zu finden, mit denen wir auch unsere Kommunen überzeugen können.“ Detaillierte Einblicke ermöglichte der 25-köpfigen Exkursionsgruppe die Dutch Cycling Embassy. Das Netzwerk öffentlicher und privater niederländischer Organisationen gibt sein Fachwissen in Sachen Radverkehr vor Ort weiter. Das Fiets ist für die NiederländerInnen mit 36 Prozent inzwischen das am häufigsten genutzte Verkehrsmittel. Für mehr als ein Viertel aller Fahrten nutzen diese ihr Rad. In Utrecht liegt der Anteil sogar bei 40 und im Stadtkern sogar bei 60 Prozent. In Deutschland sind es lediglich elf Prozent. Hier schlägt der motorisierte Individualverkehr dagegen mit 57 Prozent zu Buche und über 80 Prozent aller städtischen Parkplätze sind im öffentlichen Raum. „Münster hat mit 39 Prozent deutschlandweit noch den höchsten Fahrradanteil“, bilanziert Annette Gieselmann. Im Unterschied zu den Niederlanden steht Fahrradfahrenden in Deutschland jedoch weniger Platz zur Verfügung. Nicht nur eine Komfort-, sondern in vielen Fällen auch eine Sicherheitsfrage. „Und das subjektive Sicherheitsgefühl entscheidet, welches Verkehrsmittel wir wählen“, weiß die Fachbereichsleiterin. „In Deutschland stehen wir also noch ganz am Anfang, die Niederlande sind uns um 40 Jahre voraus.“ Dort wurde die Verkehrswende Ende der 1970er-Jahre eingeleitet. Die konsequente Investition in die Förderung des Radverkehrs entwickelte sich landesweit zur Erfolgsgeschichte. „In Deutschland tut man sich schwer, diesen ersten Schritt zu gehen“, so Eric Risters, Bauzeichner in der Niederlassung Rhein-Ruhr bei Bockermann Fritze mit Schwerpunkten im Bereich Verkehrsplanung sowie Siedlungswasserwirtschaft. „Auch wenn sich das Verhältnis zum Thema Verkehr verändert hat und Themen wie Nachhaltigkeit und alternative Konzepte im Gespräch sind.“
Und so überrascht es nicht, dass der Fahrradanteil in einer Stadt wie Amsterdam heute bei 58 Prozent liegt. Bei der Bewertung der Fahrradfreundlichkeit für Städte über 600.000 EinwohnerInnen belegt die niederländische Hauptstadt laut dem Copenhagenize Index von 2019 nach Kopenhagen Platz zwei. Es gibt mehr Fahrräder als EinwohnerInnen. 1,3 Räder sind es pro Kopf. „In den Niederlanden wurde vor vielen Jahren das umgesetzt, was wir heute in Deutschland angehen“, betont Annette Gieselmann. „Wir stehen unter Druck. Angesichts des Klimawandels muss eine Mobilitätswende stattfinden, um die Auswirkungen zu verringern.“ Klimaschutz ist ohne eine Mobilitätswende nicht zu realisieren. Wer selbst erlebt, wie es sich anfühlt, mit dem Rad in einem fahrradfreundlichen Umfeld unterwegs zu sein, verändert seine Perspektiven. Davon ist Annette Gieselmann überzeugt, die auch privat aufs Rad setzt, ein E-Bike als Jobrad nutzt und nicht nur die beruflichen Strecken per Rad bewältigt. Auch in der Freizeit setzt sie auf Zweiräder und ist bereits mit dem Mountainbike in der Zugspitzarena unterwegs gewesen.
„Ich fahre heute lieber Rad, als zu wandern“, erzählt sie. Auch für Eric Risters und Tom Elbracht, Auszubildender zum Bauzeichner Tief-, Straßen- und Landschaftsbau am Firmenstandort Enger, lieferte die Exkursion ins Nachbarland neue Perspektiven und Anregungen. „Eigene Erfahrungen sind immer von Vorteil, auch wenn man konventionelle Projekte betreut“, erklärt Eric Risters, der sich wünschen würde, dass sich das Mindset in der Verkehrsplanung ändert. Hin zu zukunftsorientierten Verkehrskonzepten. „In den Köpfen müssen Barrieren fallen. Es braucht Mut, neue Pfade zu beschreiten, aber auch finanzielle Investitionen, um diese umsetzen zu können.“ Positiv sei, dass das Rad bei Neuplanungen inzwischen eine Rolle spiele und beispielsweise Radwege breiter geworden seien. „Von niederländischen Maßstäben sind wir jedoch noch weit entfernt“, lautet sein Resümee. „Wir sind die Generation, die die heute geplanten Verkehrswege über Jahrzehnte nutzen wird“, unterstreicht Azubi Tom Elbracht, der seine Ideen aktuell bei der Planung einer Radstraße in Bocholt einbringt. Das einfache Bike-Leasing in den Niederlanden hat den 23-Jährigen neben den vielfältigen Abstellmöglichkeiten ebenso überzeugt wie die durchdachten Streckenführungen. „Auf dem Radschnellweg in Utrecht fährt man ohne Gegen- oder Querverkehr. Das finde ich sehr gut.“ Das bequeme Abstellen und Wiederaufsteigen vereinfacht in Utrecht übrigens die größte Fahrradstation der Welt. 12.500 Stellplätze verteilen sich auf drei Ebenen. In dem 24 Stunden geöffneten unterirdischen Parkhaus stehen außerdem 750 Leihräder zur Verfügung. Von jedem Stellplatz ist man in weniger als fünf Minuten am Gleis des Hauptbahnhofes, der direkt daneben liegt. Gute Bedingungen für den Radverkehr schaffen, mutig sein und etwas wagen, ist auch für Tom Elbracht Motivation. „Man muss Beispiele schaffen. Wenn diese gut funktionieren, kann man solche Verkehrskonzepte auch in anderen Städten realisieren“, lautet seine Überzeugung. Auch wenn man bestehende Modelle nicht eins zu eins übernehmen kann. Dennoch ist es eine Aufgabe, die er als Verkehrsplaner künftig wahrnehmen und vorantreiben möchte.
Auch Eric Risters hätte Spaß daran, sich bei Planungen jenseits zurzeit geltender Normen bewegen zu können. „Denn es ist, wie man am Beispiel Utrecht sieht, machbar, Leute mit neuen Ideen zu überzeugen“, so der engagierte Bauzeichner, der zurzeit berufsbegleitend eine vierjährige Weiterbildung zum Bautechniker absolviert. „Die Signalwirkung, die davon ausgeht, ist groß.“ „Da sind die Niederlande beispielhaft“, so Tom Elbracht. Da der Radverkehr im Nachbarland Priorität genießt, gehört dort die bauliche Trennung von Rad- und motorisiertem Individualverkehr zum Konzept. Ebenso wie Fahrradstraßen, wo Autos Gäste sind, Radschnellwege, die als Snelfietsrouten ein schnelles Vorankommen ermöglichen, ein einfaches Orientierungssystem mit Knotenpunktnummern und ein durchdachtes Kreuzungsmanagement. Beispiele, wie sich diese Maßnahmen positiv auf den Radverkehr auswirken, gibt es auch in Utrecht viele. Auch, wenn es darum geht, Verkehrsknotenpunkte für den Radverkehr sicherer zu machen. Geschützte Kreuzungen, sogenannte Protected Intersections, zeichnen sich u. a. durch vorgezogene Haltelinien für Radfahrer und eingebaute Schutzinseln aus. Letztere verhindern, dass große Fahrzeuge beim Abbiegen über die Nebenflächen fahren und dort wartende Verkehrsteilnehmende gefährden. Zudem bieten Lichtsignalanlagen für Radfahrende ein Mehr an Sicherheit und sorgen für freie Fahrt der Zweiräder. Bei stark Kfz-belasteten Straßen gibt es zudem Unter- oder Überführungen für Räder. „Beeindruckend ist, in welchem Maßstab die alternative Verkehrsplanung umgesetzt wurde, bei der das Rad im Mittelpunkt steht.
In einer Kolonne von 50 Radfahrenden von Ampel zu Ampel zu fahren, ist schon faszinierend. Außerdem erscheinen die Leute fitter.“ Das niederländische Radfahrkonzept gibt dem Rad nicht nur Vorrang, es schafft gleichzeitig Sicherheit. Zweigeschossige bzw. doppelte Kreisverkehre wie in Houten tragen diesen Aspekten Rechnung. „Hier fahren die Radler unten und die Autos oben“, so Annette Gieselmann. „Das System ist rund ums Rad aufgebaut. So ist das Radfahren nicht nur komfortabel und effektiv, sondern auch sicher“, unterstreicht Eric Risters. Autos nicht verbannen, aber dem Rad gute Voraussetzungen schaffen – das ist die Idee, die hinter der konzeptionellen Netzplanung des Radverkehrs in den Niederlanden steckt. Die Weichen dafür wurden bereits vor 40 Jahren gestellt. Vorausschauende Stadtplanung, Investitionen in neue Straßen und Strecken sowie Anreize, aufs Rad umzusteigen, haben dazu geführt, dass sich das Rad in den Niederlanden als individuelles Verkehrsmittel durchgesetzt hat. Der innerstädtische Kern von Houten ist heute autofrei. Das Resultat für die nachwachsende Generation: eine hohe Wohn- und Lebensqualität. Selbst kleine Kinder können gefahrlos zur Schule radeln. „Wenn man sich vergleichbare Städte ansieht, ist die Lebensqualität in Utrecht um einiges höher“, lautet auch Eric Risters Fazit. Weniger Staus, bessere Luft und gesündere Menschen. Den Verkehr in Städten zu minimieren, ist ein Schritt für mehr Klimaschutz, mehr Lebensqualität und mehr Sicherheit. Wie Lösungen in Deutschland aussehen können, beweist Bockermann Fritze IngenieurConsult bereits mit der Umsetzung zukunftsorientierter Projekte wie dem Jahnplatz in Bielefeld. Der Verkehrsknotenpunkt im innerstädtischen Raum soll künftig nicht nur für mehr Lebensqualität mitten im Zentrum sorgen, sondern auch den Radverkehr im innerstädtischen Raum stärken. „Er ist unser Kopenhagener Ei“, sagt Annette Gieselmann mit Blick auf eine der fahrradfreundlichsten Städte der Welt. Von der Idee, die Infrastruktur für den Radverkehr so wie in Kopenhagen oder Utrecht zu stärken, ist sie überzeugt.
„Irgendwann muss man anfangen, Stadtraum neu zu denken“, betont Annette Gieselmann mit Blick in die Zukunft. „Hochwertigen Raum zu nutzen, um dort Blech abzustellen, ist keine Lösung.“ „Gerade innerstädtische Bereiche würden davon profitieren, wenn sie nicht mit Autos zugeparkt würden. Davon profitiert auch das Stadtbild“, betont Eric Risters. Einfluss auf die künftige Aufteilung von Verkehrsräumen, u. a. mit breiteren Radwegen, bringt natürlich auch der moderne Radverkehr mit sich. Auch hierzulande füllen zunehmend E-Bikes die Straßen. Mit ihnen lässt sich leichter und schneller Strecke machen. Auch jenseits des Freizeitaspektes. Wer hätte das gedacht, als Gustave Trouvé 1881 das Tricycle entwickelte? Denn bis zur ersten Patentanmeldung für ein Pedelec-System brauchte es noch bis zum Jahr 1982. Mehr als zwanzig Jahre später, 2005, setzte sich das E-Bike dann endgültig durch. Und so ist die Frage, wie sich Mobilität verändert, eine, mit der sich das Team von Bockermann Fritze IngenieurConsult längst intensiv beschäftigt. Schließlich ist es eine Generationenfrage, die den Blick in die Zukunft schon heute braucht. Und in Städten wie Münster, Karlsruhe oder Freiburg, wo der Radverkehr bereits eine Vorreiterrolle innehat, schon weitergedacht wird. In Utrecht, einer der fahrradfreundlichsten Städte der Welt, haben sich die Menschen ihre Stadt jedenfalls zurückgeholt.