Ey, Alter! Was geht?!
Auch früher war damals schon alles besser.

Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widerspricht ihren Eltern, legt die Beine übereinander und tyrannisiert ihre Lehrer", ...

... soll Sokrates (470-399 v. Chr.) geschrieben haben. Dass es sichbei dieser Aussage um ein klassisches Kuckuckszitat handelt, ist nichtentscheidend – das Zitat tauchte erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts ineiner Dissertation auf –, sondern dass es den LeserInnen bis heuteplausibel erscheint, dass der Spruch weit über 2.000 Jahre alt sein soll.


Autorin: Eike Birck

Die Kritik an der Jugend scheint einReflex der Älteren zu sein, die mitBlick auf die nachfolgende Generation dieWelt und die Gesellschaft am Abgrundwähnen. Das war schon immer so – undwird aller Voraussicht nach auch so bleiben.Die Jugend steht zu allen Zeiten inder Kritik. Das ist auch die einzige Konstante.Und genau da liegt der Knackpunkt.Dass es die nachfolgenden Generationenden Eltern irgendwie nie sorichtig recht machen können, liegt nachMeinung einiger Soziologen vornehmlichin der Angst der Älteren vor Veränderungbegründet. Der US-Jugendforscher DavidFinkelhor nennt das Juvenoia – zusammengesetztaus juvenil und Paranoia– und bezeichnet die Angst vor derJugend und zugleich auch die Angst umdie Jugend. Eltern machen sich Sorgen,dass ihre Kinder in dieser unbeständigen,komplexen und ambivalenten Welt einerunsicheren Zukunft entgegengehen.Diese Sorge hatte übrigens auch schonjede Elterngeneration zuvor. Was soll ausmeinem Kind nur werden? Und: Mein Kindsollen es mal besser haben als ich. Aufder anderen Seite verstehen sich Elternals Hüter von Werten und Institutionen.Sie möchten ihr Wissen und ihre Erfahrungenweitergeben. Das stößt nicht immerauf uneingeschränkte Gegenliebeund führt vielfach zu Konflikten. Denn einMerkmal von Jugend ist: sich ausprobierenund eigene Erfahrungen machen zudürfen. Andererseits ist es für die Älterenschwer auszuhalten, dass ihre Werte, ihreLeistungen und Dinge, die ihnen wichtigsind, unter Umständen von den Jüngerenvöllig anders bewertet und ebennicht wertgeschätzt werden. Da ist Streitvorprogrammiert.

Die Jugend rebelliert.

Es ist die Jugend, die sich auflehnt und Bestehendesauf den Prüfstand stellt. Unddas ist auch gut so. Damit bleibt Gesellschaftin Bewegung. Junge Menschen habenhäufig ein sehr ausgeprägtes Gespürfür Ungerechtigkeiten – und die Energie,sich zu engagieren. Manche riskieren dabeialles. Wie zum Beispiel die GeschwisterScholl mit ihrem Widerstand gegendie Diktatur der Nationalsozialisten. Hansund Sophie Scholl und weitere Mitgliederder „Weißen Rose“ stammten aus studentischenKreisen und wurden für ihr Aufbegehren1943 ermordet.In den 1960er Jahren gingen tausendeStudierende auf die Straße, um gegen verkrusteteStrukturen, den Vietnamkrieg, dierigide Sexualmoral und die Nichtaufarbeitungdes Nationalsozialismus durch dieElterngeneration zu protestieren. Spätersollte diese soziale Bewegung als „68er“ indie Geschichtsbücher eingehen. Viel riskierenauch die wagemutigen Greenpeace-AktivistInnen, die seit 1971 mit spektakulärenAktionen in kleinen Schlauchbootengegen riesige Fischerboote, mit Abseilaktionen,Besetzungen – friedlich, abernicht immer ganz legal – auf Missständeaufmerksam machen. Auch für die heutigeJugend steht Klimaschutz ganz obenauf der Agenda. Prominentestes Beispielist sicherlich die Schwedin Greta Thunbergund die von ihr initiierten „Schulstreiksfür das Klima“. Fridays for Futurehat sich längst zu einer globalen Bewegungentwickelt und das Thema auf dieTagesordnung aller etablierten Parteiengesetzt, was nebenbei bemerkt die GRÜ-NEN ganz schön unter Zugzwang setzt.Greta Thunberg fordert nichts wenigerals eine konsequente Klimapolitik, die aufwissenschaftlichen Erkenntnissen fußt.Und eine schnelle Umsetzung, will manüberhaupt noch eine Chance haben, denKlimawandel zu verlangsamen. Dafürwird sie zum Teil von PolitikerInnen kritisiert,die zu einem langsameren Vorgehenraten, um die Bevölkerung bei den erforderlichenMaßnahmen mitzunehmen.Sind Gretas Forderungen folglich zu krass,weil vermeintlich utopisch? Sicher nicht!Die Messlatte bei klimapolitischen Überlegungenkann gar nicht hoch genug liegen,wenn man sich anschaut, welcheAbstriche und Kompromisse im Verlaufeeines Beratungsprozesses gemacht werdenund was im Ergebnis an Beschlüssendabei herauskommt. Deshalb: Die Jugendsoll gern Unmögliches fordern.

Wie ticken Y und Z?

Bei der Rebellion von jungen Menschengeht es jedoch nicht immer gleich um Lebenund Tod oder weltpolitische Grundsatzfragen.Manchmal geht es auch umMusik, die Art sich zu kleiden oder zu sprechen.Jede Generation hat ihren Soundtrack,ihren Style und ihre Sprache. Geradebei der Arbeit kommt es zuweilenzu einem Cultural Clash der Generationen.ExpertInnen plädieren dafür, Teamsnach Möglichkeit mit „alten Hasen“ und„jungen Wilden“ zu besetzen. Das sei fürden kreativen Prozess äußerst fruchtbar,wenn Erfahrung auf Begeisterungfür neue Technologien träfe.Unternehmen, die vor der Herausforderungstehen, Azubis für sich zu begeisternoder neue Mitarbeitende zu gewinnen,Die Jugend rebelliertWie ticken Y und Z?müssen heute wissen, wie – und vor allemauf welchen Kanälen – sie die jüngerenGenerationen ansprechen. Sie müssenwissen, welche Erwartungen die Jüngerenan die Arbeitswelt haben und was ihnenim Leben wichtig ist. Das ist jedochgar nicht so ganz leicht auf den Punkt zubringen, weil Angehörige einer Generationkeine homogene Gruppe sind. WissenschaftlerInnenarbeiten mit Generationenkonzepten,die davon ausgehen,dass jede Generation durch die Ereignissewährend ihrer Sozialisation geprägt wird.Das bestimme ihre Einstellungen, Werteund ihr Verhalten. Dabei müsse aber dieIndividualität jeder einzelnen Person berücksichtigtwerden. Denn es ticken beileibenicht alle gleich.Prof‘in Dr. Swetlana Franken, Professorinfür Betriebswirtschaftslehre, insbesonderePersonalmanagement, an derFachhochschule Bielefeld, hat die Einstellungverschiedener Generationen in Hinblickauf ihre Einstellung zu Arbeit untersucht.Unter die „Babyboomer“ fasst siedie zwischen 1946 und 1964 Geborenen.Die Nachkriegsgeneration, die von derKriegsgeneration, die unter Entbehrungenzu leiden hatte, erzogen wurde. Als Credoder Babyboomer wird die Einstellung „Leben,um zu arbeiten“ auf den Punkt gebracht.Die Generation X (*1965-1980)wird u. a. mit Attributen wie Pragmatismus,Selbstvertrauen, Spaß haben, globalesDenken, Work-Life-Balance, Diversitycharakterisiert. Ihre Einstellung lautet„Arbeiten, um zu leben“. Die Generation Y(*1981-1994) handelt idealtypisch gesehennach der Prämisse: „Erst leben, dannarbeiten“. Ihr ist die Work-Life-Balancenoch ein wenig wichtiger und sie ist esgewohnt, mit Technologien umzugehen.Sie hat insgesamt eine positive Grundeinstellung.Themen wie soziale Verantwortungund Teamwork sind ihr wichtig. DieGeneration Z (ab *1995) ist bereits mitdem Internet aufgewachsen, vernetzt sichüber Social Media, ist u. a. von Individualisierung,Selbststeuerung und Flexibilitätgekennzeichnet und zeigt eine schwacheLoyalität gegenüber Arbeitgebern.Die Z-ler begreifen Leben und Arbeitenals fließenden Prozess: „Beim Arbeitenleben und beim Leben arbeiten“. Schondiese kleine Skizze zeigt: Wo Angehörigeverschiedener Generationen zusammenkommen,wird es sicherlich nicht langweilig.So bleibt Gesellschaft in Bewegung.

"Die Jugend ist kein Fehler und
das Alter kein Verdienst."
-Deutsches Sprichwort-