Früher war alles besser!
Oder?

Wer kennt ihn nicht, diesen fast schon resignierten Satz der älteren Generationen. Wobei eine genaue Definition, was denn besser war, meist nicht erfolgt. Auf jeden Fall ist häufig die Jugend gemeint, also die jungen Leute, die früher besser waren – ordentlicher, höflicher, engagierter, fleißiger.

Eine persönliche Betrachtung von Thomas Volkmar

Die Wahrheit ist: Es stimmt nicht. Jede Zeit hatte schon immer ihre Konflikte zwischen der heranwachsenden und der älteren Generation, ein ganz natürliches Muster – und das ist auch gut so. Wenn sie ehrlich zu sich selbst ist, wird auch die ältere Generation feststellen müssen, dass sie früher genauso war. Auch sie konnten die Sätze ihrer Eltern von der „guten alten Zeit“ nicht mehr hören. Zumal oft in trauter Familienrunde betont wurde, dass es früher eben nicht so leicht war – wir hatten ja nichts. 

Zugegeben, ich komme aus der Zeit der Babyboomer und habe daher dieses „Wir hatten ja nichts“ so oft gehört. Zum Glück muss meine Generation das heute nicht mehr sagen, aber das Narrativ ist das gleiche. Heute ertappen wir uns dabei, wie wir unseren Kindern von der Zeit erzählen, in der es noch keine Handys und kein Internet gab, um dann so schlaue Sätze zu sagen wie: Wir konnten uns auch ganz prima anders, sinnvoller beschäftigen. Dabei haben wir damals Musik gehört, die viele Eltern fast in den Wahnsinn getrieben hat. Ein gutes Instrument, um zu zeigen: Hey, wir sind jung, wir sind anders als ihr, das ist unsere Sache. Heute haben die jungen Menschen das Problem, dass ihre Eltern jetzt die gleiche Musik hören wie sie selbst. Ein Punkt weniger, um sich von den Alten abzugrenzen. Dabei sind Abgrenzung und Reibung so wichtig. Schließlich müssen die Jungen ihren eigenen Weg finden. Und das geht nicht, wenn Mama & Papa auf der gleichen Ebene sein wollen und sich nur wie beste Freunde verhalten. Ganz schlimm wird es dann, wenn einige Eltern von ihrer wilden Jugend erzählen und stolz gestehen, dass sie sogar mal gesündigt und Haschisch geraucht haben.

Was bleibt dann noch übrig für Kids – TikTok? Im Jahr 2000 rappte die damals junge Band Jazzkantine „Jede gute alte Zeit war mal eine schlechte neue Zeit“, ein Satz, der es prima trifft. Allerdings stand er im Kontext zu dem Refrain „Lebe jeden Tag als würds keine nächsten geben, denn wir leben nicht für den Tod, sondern sterben für das Leben.“ Ein Plädoyer also für ein spaßorientiertes, zügelloses Leben als Gegenentwurf zur konservativen Haltung der älteren Generation. Und heute, 22 Jahre später, wie sieht es da aus mit der Rebellion der Jugend? Partys machen, Klamotten kaufen, austoben – nicht an morgen denken? Eine aktuelle Umfrage des SPIEGEL unter Jugendlichen offenbart da schon Erstaunliches. Demnach ist einer großen Mehrheit Altersvorsorge wichtiger als Konsum und außerdem sehen sie ihr Glück in der Familie und mit Freunden. Der Psychologe Stephan Grünewald (Rheingold Institut) bringt es folgendermaßen auf den Punkt: „Die junge Generation zieht es zurück in eine Art Biedermeier.“ Also in die Epoche in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in der das Bürgertum sein Glück im Privaten und Wohlgeordneten suchte. Was am Ende aber nicht heißt, dass es keine Rebellion, kein Aufbegehren der jungen Generation gibt, ganz im Gegenteil. Und es wäre auch schrecklich, wenn es nicht so wäre. Denn schließlich erwächst daraus auch immer eine Kraft, die Weiterentwicklung und positive Veränderung mit sich bringt. Nur sind es oft die Sorgen der Eltern um ihre Kinder und die Angst der älteren Generation, nicht mithalten zu können, die einen verklärten Blick auf die Vergangenheit hervorrufen.

Ich gehöre auch der alten Generation an, muss aber ganz klar sagen: Macht euch keine Sorgen, die jungen Menschen machen das schon. Wir haben es ja schließlich auch geschafft. Die jetzige junge Generation ist mindestens genauso gut wie die vielen jungen Generationen zuvor.