Schule im Wandel.
Von damals bis heute.

Oft sind es LehrerInnen, die den Lebens- oder Karriereweg ihrer SchülerInnen beeinflussen. Als Lehrer für Mathematik und Physik hat Dr. Dankwart Vogel (Mitte mit Latzhose) das Interesse von Klaus Bockermann (hinten links) für die Naturwissenschaften geweckt – eine Leidenschaft, die den geschäftsführenden Gesellschafter von Bockermann Fritze IngenieurConsult und promovierten Ingenieur nicht mehr losgelassen hat. 40 Jahre später trifft der ehemalige Schüler seinen Lehrer. Mittlerweile ist man per Du und schätzt einander sehr – aber das war schon damals so. Ein Gespräch über die Rolle von Schule, Lehrern und was gute Didaktik bewirken kann – damals und heute.

Autorin: Eike Birck

KLAUS BOCKERMANN
Drei Jahre hatte ich am Widukind-Gymnasium Enger bei dir Unterricht. Das hat einen prägenden Eindruck hinterlassen und nachhaltig meine Begeisterung für Naturwissenschaften entfacht. Davon profitiere ich heute noch und erzähle meiner Tochter gern von den Bananenkisten.

DANKWART VOGEL (schmunzelt)
Ja, solche skurrilen Geschichten wie die von dem Kapitän, dem Lademeister und den Bananenkisten, mit der wir in unserem Kombinatorik-Büchlein eine charakteristische Eigenschaft der Quadratzahlen hervorheben, bleiben offenbar im Gedächtnis hängen. Eine hervorstechende Fähigkeit zeichnete dich schon als Schüler aus: Trug ich dir auf, eine frisch gewonnene Erkenntnis für alle nochmals zusammenzufassen, so war dir gespannte Aufmerksamkeit aller sicher. Man sagt Naturwissenschaftlern ja gern nach, dass sie oft brillante Problemlöser sind, aber selten etwas verständlich erklären können. Du konntest es.

KLAUS BOCKERMANN
Das war auch deinem Unterricht geschuldet. Diejenigen, die sich für den Stoff interessiert haben, hast du immer gefördert. Ich war damals sehr überrascht, als du mir das Manuskript des Eingangskapitels zu eurem entstehenden Buch „Elementare Methoden der Kombinatorik“ gabst. Das habe ich als sehr wertschätzend empfunden, dass der Lehrer dem Schüler auf Augenhöhe begegnet. Das war etwas Besonderes für mich. Kombinatorik hat mich fasziniert, etwa die Anzahl der Möglichkeiten bei Versuchsausgängen. Wenn zum Beispiel zwölf Mann draußen Holz hacken, sechs klagen abends über Rückenschmerzen und vier über Sonnenbrand. Wie viele Männer haben wahrscheinlich beides? Das finde ich ungeheuer spannend, denn statt einer Formel ist zur Lösung solcher Probleme ein Zählargument unter Verwendung universeller Zählprinzipien gefragt. Durch Geschichten – wie die von den Bananenkisten – rund um ein mathematisches Problem bleibt vom eigentlichen Lehrstoff vieles im Gedächtnis. Das machte deinen Unterricht aus. Didaktik war dir immer sehr wichtig.

DANKWART VOGEL
Ja, das war und ist es. Das Buch, von dem du sprachst, das ich zusammen mit Rainer Danckwerts und Klaus Bovermann für begabte SchülerInnen geschrieben habe, mag dies belegen. Das Verstehen und Erklären war schon als Schüler mein Interesse. Ich wurde gern von Mitschülern gebeten, es ihnen noch einmal zu erklären, und war als Nachhilfelehrer sehr erfolgreich. Dies ist auch der Grund, warum ich nach dem Studium der Mathematik und Physik mich der Didaktik der Mathematik zuwandte und dort promovierte; ich wollte wissen, wie man Schüler- Innen für die Mathematik gewinnen und ihnen den Zugang erleichtern kann. Über meine Pensionierung mit 65 hinaus war ich viele Jahre an verschiedenen Universitäten in der Lehrerausbildung als Lehrbeauftragter tätig.

KLAUS BOCKERMANN
Welche Kritikpunkte hast du an heutigen Schulbüchern?

DANKWART VOGEL
Die Bücher werden nur dicker und bunter, überschütten die Schüler mit endlos vielen Aufgaben, die überwiegend auf den Erwerb von Routinen zielen, statt Neugier und Entdeckerlust zu wecken. Es fehlt an Einordnung, Öffnung des Blicks, Änderung der Perspektive – so als gäbe es nur einen einzigen Weg. Dass um Einsichten gerungen werden muss, es um das eigene Verstehen geht, um Reflexion des Lernens, steht nicht im Zentrum. Selten wird man zum Rückblick ermutigt, um sich etwa zu fragen, was man über sich und den Gegenstand anhand der Aufgabe gelernt hat.

KLAUS BOCKERMANN
Du hast an vier verschiedenen Schulen unterrichtet: in Enger am Gymnasium, in Bielefeld an einer Gesamtschule, am Berufskolleg Bethel und am Ceciliengymnasium. Und viele unterschiedliche Schüler- Innen erlebt. Was hat sich aus deiner Sicht über die Generationen gewandelt?

DANKWART VOGEL
Zu Beginn meiner Laufbahn als Lehrer haben etwa 20 Prozent der Schüler eines Jahrgangs ein Gymnasium besucht. Zum Zeitpunkt meiner Pensionierung waren es zwischen 50 und 60 Prozent. Die Spanne der Leistungsfähigkeit ist größer geworden und damit die Schwierigkeit, alle unter ein Dach zu bekommen. Auch der Zugang zur Mathematik hat sich durch den Einsatz von Taschenrechnern und Computern erweitert. Bis hin zur Informatik als neues Fach. Die Bedeutung der Mathematik für den Fortbestand der Menschheit ist weiter gewachsen. Ihre Fortentwicklung ist nicht nur für die Natur- und Ingenieurwissenschaften wichtig, sondern auch für die Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaften sowie die Medizin und Psychologie. Selbst Zufallsprozesse lassen sich mathematisch fassen, was überraschend und faszinierend ist.

KLAUS BOCKERMANN
Was ist auch etwas, das wir hier in unserer täglichen Arbeit bei Bockermann Fritze machen. Wir berechnen Verkehrsflüsse, Starkregenereignisse oder die Versagenswahrscheinlichkeit von Tragwerken und vieles mehr. Alles fußt auf mathematischen Grundlagen und Gesetzmäßigkeiten.

DANKWART VOGEL
Wir brauchen auch an den allgemeinbildenden Schulen Lehrer, die praktische Berufserfahrung mitbringen und nicht nahezu ausschließlich direkt von der Schule an die Uni und zurück in die Schule gegangen sind. Die Schule muss sich wandeln, den LehrerInnen mehr zutrauen, ihnen größeren Entscheidungsspielraum und mehr Entwicklungsmöglichkeiten geben. Dann werden die Besten eines Jahrgangs für diesen Beruf gewonnen, nämlich die, die etwas bewegen wollen. Heute ist der Lehrerberuf zu oft eine Sackgasse, zugesperrt durch den Beamtenstatus. Not tut auch die Öffnung weiterer Zugänge zu den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik). Ich denke etwa an Projektunterricht, Praktika etc. Dafür müssten die Schulen entsprechend ausgestattet werden.

KLAUS BOCKERMANN
Ich habe den Eindruck, dass die SchülerInnen heute im Durchschnitt weniger leistungsstark sind, mehr Betreuung und Förderung brauchen und über geringere soziale Kompetenzen verfügen...

DANKWART VOGEL
Daher brauchen wir gute LehrerInnen mit besten Arbeitsbedingungen und breiter gesellschaftlicher Unterstützung. Das kann nur durch Öffnung der Schule gelingen. In der Schule sollen die Kinder und Jugendlichen das Miteinander und Füreinander lernen. Auch das Einhalten von Regeln. Im Moment scheint das Bedürfnis, sich als Individuum zu positionieren, zu dominieren. Doch sind viele SchülerInnen nach wie vor bereit, für andere einzutreten und sich zu solidarisieren. Schule darf niemanden ausschließen. Der eine ist gut in dem einen Fach und der andere kann etwas anderes. Das Leben ist auch viel zu bunt, als dass alle dasselbe machen.

KLAUS BOCKERMANN
Das verhält sich auch in Unternehmen ähnlich. Jeder im Team hat Stärken und Schwächen. Jeder nimmt eine Rolle ein. Entscheidend ist die Kommunikation.

DANKWART VOGEL
Genau diese Zusammenführung verschiedener Fähigkeiten macht erfolgreich. Gemeinsam ist man stark.