Über Generationen lernen.
Planen früher und heute.

„Wir haben morgens unsere weißen Kittel angezogen, weil man sich mit den Tuschefedern, mit denen wir die Zeichnungen angefertigt haben, immer vollkleckerte“, erinnert sich Gerhild Schabbon-Beckord an ihre ersten Berufsjahre. Später nutzte sie Rapidografen - so hießen die Tuschefüller, mit denen Entwürfe penibel genau zu Papier gebracht wurden. Wandel und Veränderung gehörten in den Jahren ihrer Berufstätigkeit immer wieder dazu.

Autorin: Corinna Bokermann

"Vieles war Learning by Doing“, stellt die heute 76-Jährige fest, die nach ihrer Ausbildung zur Bauzeichnerin als einzige Frau ihres Jahrgangs an der Fachhochschule in Lage ihr Studium zur Bauingenieurin abschloss. Gezeichnet wurde damals auf Transparentpapier. Statt PCs standen Zeichenbretter in den Büros und die Pläne wurden mittels einer Pausmaschine vervielfältigt. Heute sind diese Prozesse digitalisiert. Wird ein Papierausdruck benötigt, reicht ein Klick und der Plotter druckt den Plan aus. „Als ich 1977 im Ingenieurbüro Gieselmann, der Keimzelle von Bockermann Fritze, begann – ich hatte meine Ausbildung zur Bauzeichnerin beim Straßenbauamt gemacht –, haben wir alle Entwürfe per Hand gezeichnet“, erinnert sich Gerhild Schabbon- Beckord, die 2009 mit 63 Jahren in den Ruhestand ging. Damals zeichnete sie die Pläne zunächst transparent mit einem Bleistift vor; danach wurden die Zeichnungen mit Tusche nachgezogen. Und zwar mit unterschiedlichen Stiften und Schriftstärken. Abschließend wurde die Planung freihändig beschriftet. „Später gab es dafür Schablonen. Und zwar für jede Stiftstärke“, erklärt Gerhild Schabbon- Beckord. Heute erinnert sie sich mit einem Schmunzeln zurück an die Zeiten, als sie versuchte, Zeichenfehler mit einer Rasierklinge zu beseitigen. „Das ging maximal drei Mal. Das war schon eine Kunst für sich!“ Und natürlich musste auch bei den handgezeichneten Plänen alles auf den Millimeter genau passen. „Irgendwann zog dann der erste HP 41CX mit Magnetkartenleser bei uns ein. Dadurch konnten wir mit dem Computer die Statik berechnen. Wollte man eine digitale Planung mittels Stiftplotter drucken, musste man zunächst einen Programmablaufplan schreiben“, blickt Annette Gieselmann zurück. Die Fachbereichsleiterin Stadt, Straße, Verkehr bei Bockermann Fritze IngenieurConsult arbeitete viele Jahre mit Gerhild Schabbon-Beckord zusammen. „Sie hat mir viele Details zur Planung im Brückenbau beigebracht. Später habe ich mich dann mehr auf den Straßenbau spezialisiert, profitiere aber von meiner Erfahrung im Brückenbau, denn die Planungsprozesse bei den Objektplanungen greifen ineinander über.“ Den generationsübergreifenden Wandel in der Planung haben beide viele Jahre lang gemeinsam erlebt und gemeistert. „Wir mussten alle paar Jahre etwas Neues lernen“, konstatiert Gerhild Schabbon-Beckord, die die Vergangenheit im Zeitraffer Revue passieren lässt: „Erst mussten wir die Programmiersprache Basic beherrschen, um Programmabläufe schreiben zu können, später folgten DOS-Applikationen und danach Windows. Das waren Riesensprünge, wenn man überlegt, dass wir noch in den 1980er-Jahren mit Lochkarten arbeiteten! Um 1994 war dann die Zeit, in der wir anfingen, mit AutoCAD zu zeichnen. Für die attraktive Präsentation der Pläne kamen damals eine Zeit lang sogar Aquarelltechniken zum Einsatz. Ein Kunstlehrer brachte uns die entsprechende Technik bei“, erzählen die beiden Ingenieurinnen unisono. Langeweile kam in all den Jahren nie auf. „Es waren immer spannende Themen, an denen wir gearbeitet haben“, betont die Rentnerin, die dem Brückenbau während ihrer Berufstätigkeit immer treu geblieben ist. „Es ist ein Bereich, der, so wie das Unternehmen selbst, immer weitergewachsen ist“, stellt Gerhild Schabbon-Beckord mit Blick auf die heute rund 230 Mitarbeitenden bei Bockermann Fritze fest. Sie selbst ist eine Mitstreiterin der ersten Stunde und die erste Frau im Unternehmen, die im konstruktiven Ingenieurbau tätig war. „Damals waren wir zu fünft.“ An einige große Projekte erinnert sie sich genau. An der Südtangente in Bad Oeynhausen wirkte sie jahrelang mit und begleitete das Projekt mit ihrem Know-how. Bei der „Weserbrücke“ übernahm Gerhild Schabbon- Beckord die Bauleitung und nahm auch die Bewehrung ab. „Viele Projekte im Osten kamen schließlich durch die DEGES Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH auf uns zu, die seit 1991 die Planung und Baudurchführung wichtiger Infrastrukturprojekte verantwortet“, stellt sie rückblickend fest „Und da wir damals längst nicht so viele waren und stets unsere Pausen miteinander verbracht haben, standen wir im regen Austausch und wussten, was an Aufträgen reinkam und wer woran arbeitete“, erzählt Annette Gieselmann.

Welche Materialien zeitweise im Brückenbau die Nase vorn hatten, auch das war und ist eine Frage der Zeit. Eine Zeit lang waren es Stahlbrücken. „Da das Thema Korrosion diese sehr wartungsintensiv machte, waren sie damals nicht so populär wie heute“, so Gerhild Schabbon-Beckord. „Dann kam die Zeit des Spannbetons. Verändert haben sich aber nicht nur die Baustoffe. Auch die Querschnitte der Brücken haben sich verändert. „Sie sind über die Jahre immer schlanker geworden“, macht Annette Gieselmann mit Blick auf baustofftechnologische Veränderungen deutlich. Mit einer Konstante lässt sich im Brückenbau jedoch fest rechnen. Und zwar generationsübergreifend und jenseits jeglichen technologischen Wandels: Jedes Bauwerk ist anders und bringt neue Herausforderungen mit sich. „Ich musste mich regelmäßig in Baugrundgutachten einlesen und überlegen, was geht. Auch dadurch wurde es nie langweilig“, unterstreicht Gerhild Schabbon-Beckord, die während ihrer Berufstätigkeit nicht nur Brücken konstruierte, sondern auch prüfte und alle Schritte von der Ausschreibung bis hin zur Bauleitung übernahm. Die Faszination und Begeisterung für den Brückenbau ist heute noch spürbar. „Es sind keine statischen, sondern dynamische Bauwerke, die im Sommer durch Hitze und im Winter durch Schnee belastet werden“, sagt sie. „Große Brücken haben richtige Schwingungen, die ausgeglichen werden müssen“, nimmt Annette Gieselmann den Faden auf. „So braucht es für den Übergang Brücke-Straße zum Beispiel bewegliche Übergangsprofile.“ „Genau! Und was man nicht weiß, muss man ‚rechnen‘“, wirft ihre ehemalige Kollegin ein, die genau dies früher tagelang tat, damit die Gradienten passten. „Bereits beim Entwurf musste man überlegen, welche Lasten ankommen.“ Gerhild Schabbon-Beckord entwickelte aufgrund der Vermessungspunkte den Bestandsplan. In einer Zeit, in der es noch keine Programme gab, die das automatisch erledigen konnten. „Heute stehen für Vermessungen Drohnen zur Verfügung, die 3D-Luftbilder liefern“, macht Annette Gieselmann den Wandel in der Planung deutlich und stellt fest: „Die Arbeitsweise entwickelt sich weiter. Es wird zunehmend alles digitaler, effizienter und schneller.“ Dass sie zeit ihres Lebens mit veränderten Rahmenbedingungen in ihrem Arbeitsbereich Schritt gehalten hat, ist für Gerhild Schabbon-Beckord selbstverständlich und keineswegs eine Generationenfrage. „Ich war und bin offen für Neues. Davon profitiere ich auch heute“, stellt die Rentnerin fest, die inzwischen auch Oma einer Enkeltochter ist. Zu Hause bearbeitet sie am PC ihre Fotos. Auch Handy und Tablet sind bei ihr täglich im Einsatz. Angst vor neuer Technik kennt sie nicht – auch wenn die Konstruktion von Brücken für sie Geschichte ist.