Vom Fußball fürs Leben lernen.
Menschen und ihre Passion.

Als Kind ging es nachmittags nach der Schule immer gleich auf den Bolzplatz. „Bis ich 12 Jahre alt war, habe ich immer mit den Jungs gespielt – das ging seinerzeit noch. Bei meiner Tochter war das schon anders“, erzählt Birte Niehaus von ihrer Leidenschaft für das runde Leder, die bis heute anhält. Seit 1999 ist die Bauzeichnerin bei Bockermann Fritze DesignHaus tätig und engagiert sich in ihrer Freizeit ehrenamtlich im Vorstand des VfL Holsen als Schriftführerin – und springt auch mal ein, wenn eine Trainerin fehlt.

Autorin: Eike Birck

Erfahrung als Coach hat sie reichlich. Birte Niehaus war viele Jahre Trainerin der E- und F-Jugend des rund 800 Mitglieder umfassenden Vereins. „Mir machte es Spaß, mein Können an die 6- bis 9-Jährigen weiterzugeben.“ Ihr Talent als Stürmerin hat sie als Heranwachsende zunächst beim VfL Holsen unter Beweis gestellt. Aber weil es dort keine Mädchenmannschaft gab, zog es Birte Niehaus als Teenie ins Nachbardorf – nach Bruchmühlen –, bis sie Mitte der 1990er-Jahre zum Verbandsligisten DSC Arminia Bielefeld wechselte. Rund drei Jahre kickte sie in der dritthöchsten Spielklasse. Mit einer Profikarriere hat sie nur kurz geliebäugelt. „Beim Frauenfußball gibt es, anders als bei den Männern, kein Geld zu verdienen. Der Zeitaufwand ist jedoch sehr hoch. Das kann eigentlich nur ein Hobby sein. Dieses mit dem Beruf unter einen Hut zu bringen, funktioniert nur, wenn man bei der Stadt oder der Bundeswehr angestellt ist und für das Training und die Spiele freigestellt wird. Und irgendwann muss frau sich entscheiden, ob sie Familie haben möchte oder nicht.“ Und das wollte Birte Niehaus. Sie ist mittlerweile Mutter von zwei Kindern. 

 

 

Das Team gewinnt.

2006 hat Birte Niehaus zusammen mit anderen Mitstreiterinnen beim VfL Holsen eine Frauenmannschaft gegründet. Das Team legte in den nächsten Jahren einen steilen Aufstieg hin und schaffte sogar den Sprung in die Westfalenliga. 2015 bröckelte die Mannschaft auseinander. „Wir sind gemeinsam älter geworden und für viele stand das Thema Familie im Vordergrund“, erinnert sich die 42-Jährige. „Deshalb haben wir uns dem Bünder SV angeschlossen, der mit ähnlichen Personalproblemen zu kämpfen hatte. Wichtig war, dass es weiterging. Denn die Frauen, die jetzt Bezirksliga spielen, sind mit ganz viel Spaß dabei.“

Nachwuchs ist immer ganz wichtig für das Vereinsleben, auch beim VfL Holsen. Sind die Kids denn heute anders als damals? „Da hat sich definitiv etwas geändert. Die Kinder haben heute weniger Zeit, weil sie zum Teil schon in der Kita und der Grundschule im Ganztag eingebunden sind. Da bleibt wenig Freiraum fürs Training. Dass man sich einfach nachmittags ohne Verabredung auf dem Fußballplatz trifft, das gibt es nicht mehr. Ich bin schon froh, dass es dafür zumindest Whats- App-Gruppen gibt“, lacht die 42-Jährige. Apropos Handy. Segen oder Fluch? „Beides. Ich habe den Eindruck, dass viele Kinder zu viel Zeit allein mit dem Gerät verbringen und verlernen, miteinander zu kommunizieren. Auf den sozialen Medien sind schnell mal böse Sachen geschrieben, die Hemmschwelle ist deutlich geringer, als wenn man sich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen würde. Gerade deshalb hat der Fußball eine wichtige soziale Funktion. Mannschaftssport ist gut für das Füreinander. Kinder lernen, aufeinander und insbesondere auf die Schwächeren Rücksicht zu nehmen. Nicht das Ich steht im Mittelpunkt, sondern das Team. Wir gewinnen gemeinsam und wir verlieren gemeinsam“, betont die ehemalige Stürmerin.

Wir statt ich.

Das Erlernen von sportlichen und sozialen Kompetenzen geht Hand in Hand. Ohne Strukturen und Regeln geht es nicht. Angefangen damit, dass man pünktlich zum Training erscheint. „Wir versuchen, den Kindern und auch den Eltern klarzumachen, dass jeder, der sich dazu entschieden hat, Teil einer Mannschaft zu sein, zuverlässig zum Training und zu den Spielen am Wochenende kommt. Die Mannschaftskollegen verlassen sich darauf. Wir möchten ein Pflichtbewusstsein vermitteln und eine Verbindlichkeit schaffen.“

Regelmäßig organisiert der VfL Holsen in Kooperation mit dem DSC Arminia, Hannover 96 und dem FC St. Pauli Fußballcamps. Eine attraktive Ferienbeschäftigung für Kinder, die nicht in den Urlaub fahren können. Zum Programm gehört auch ein Stadionbesuch in Bielefeld beim Erstligisten. Ein tolles Erlebnis für die Kids – wie auch Mannschaftsfahrten. „Wir sind schon häufig zu einem großen Jugendturnier nach Dänemark gereist. Da kamen rund 170 Mannschaften zusammen, etwa 2.600 Kinder und Jugendliche. Gespielt wurde auf 10 Plätzen gleichzeitig. Für viele war es die erste Reise ohne ihre Eltern. Wenn man das als Kind und als Mannschaft erlebt hat, das vergisst man nicht“, ist Birte Niehaus überzeugt. Die Familie Niehaus ist fußballbegeistert. Beide Kinder spielen selbst, der Sohn beim VfL Holsen und die Tochter – wie seinerzeit die Mutter – bei den U17-Juniorinnen des DSC Arminia Bielefeld. „Wenn ich an meine Zeit bei Arminia zurückdenke, als mein Vater mich immer zum Bahnhof gefahren hat, damit ich zum Training nach Bielefeld kam, da muss ich sagen, ist meine Tochter viel weiter. Die zückt ihr Handy und sucht

sich die Verbindungen mit Zug und Stadtbahn selbstständig raus und guckt schnell bei Google nach, wie sie gehen muss. Es geht nicht mehr ohne Handy. Aber da muss man auch Grenzen setzen, wie viel Zeit die Kinder sich mit digitalen Medien beschäftigen sollen. Das ist auch für die heutige Elterngeneration eine neue Situation, denn als wir Kinder waren, gab es das einfach noch nicht. Wir haben keine Vorbilder, an denen wir uns diesbezüglich orientieren könnten.“ Dabei ist Birte Niehaus keine, die sagt, dass früher alles besser war. Aber sie steht für Werte wie Gemeinschaft, Verlässlichkeit, Teamgeist und vieles mehr. Die Vereinsarbeit ist ihr wichtig, um den Menschen im Dorf – nicht nur den Kindern – etwas anzubieten, um den sozialen Zusammenhalt zu stärken. Und damit nicht zuletzt auch das Miteinander der Generationen. Aktuell steht der Bau eines neuen Kabinentrakts an. Den hat Birte Niehaus natürlich selbst gezeichnet und die Planung verantwortet Bockermann Fritze. Montagabends ist sie nicht erreichbar. Denn da kickt Birte Niehaus selbst – beim VfL Schildesche. Gemeinsam mit ehemaligen Spielerinnen aus ihrer aktiven Zeit. „Da ist das alte Gefühl wieder da, die Gemeinschaft. Das macht einfach riesigen Spaß.“