Zukunft kommt.
Tristan Horx.

Das, was war, ist Vergangenheit. Ob gut oder schlecht –wir können nichts mehr verändern oder beeinflussen. Nur die Zukunft ist völlig offen. Tristan Horx, Kultur- und Sozialanthropologe, betreibt Zukunftsforschung aus Sicht der jüngeren Generation. Gesellschaft, Digitalisierung und Ökologie sind seine Themen. Sein Vater, Matthias Horx, ist Gründer des Zukunftsinstituts undgilt heute als einflussreichster Trend- und Zukunftsforscher. In der Corona-Krise regte er mit seiner Regnose* MillionenMenschen zu einer neuen Perspektive an. In seinem jährlicherscheinenden Zukunftsreport analysiert er mit ausgewählten ExpertInnen und ZukunftsforscherInnen die prägendstenTrends und Entwicklungen unserer Zeit.

Autorin: Corinna Bokermann


* Regnose oder Re-Gnose: die rückschauende Betrachtung
der Gegenwart aus dem Blickwinkel der Zukunft

War Zukunftsforschung schon immer Ihr Ding?

Der Weg beginnt zu Hause … Als Pubertierender habe ich alles doof gefundenund meinen Weg gesucht. Ich habe auf dem Bau gearbeitet, mir Tattoos zugelegt, in einer Heavy-Metal-Band gespielt und in Sri Lanka Englisch unterrichtet. Meine Eltern haben verstanden, was passiert. Sie sind Hyperindividualisten, geprägt von den Revolutionen der Siebzigerjahre. Protest funktioniert eben nur, wenn man sich gegen etwas wehren muss. Eine Rebellion ohne einen echten Antagonisten macht nur halb so viel Spaß. Der Habitusist selbstvervielfältigend. Und so habe ich mich entschlossen zu studieren. Das war der erste Schritt. Durch die Arbeit als Dozent– das macht mir am meisten Spaß –bin ich heute mit 28 Jahren ganz nah an der Generation dran, zu der ich forsche. Ich kenne sie gut und verstehe sie.

Ihre Familie bewohnt seit 2010 das „Future Evolution House” in Wien. Sie sind dort zum Teil aufgewachsen. Was zeichnet es aus?

Ich bin während der Pubertät dort eingezogen, habe nach WG-Zeiten, aber auch während der Pandemie eine Zeit lang mit der Familie dort gewohnt. Das Haus hat weniger Hightech, als man denkt, und ist kein Smart Home im eigentlichen Sinn. Es steht in der Natur und zeichnet sich durch sein Social Design aus, einen Mix aus Begegnungs-und Rückzugsräumen. Auch das Thema Homeoffice wurde damals schon mitgedacht. Das Haus war seiner Zeit auf jeden Fall voraus.

Wenn Sie in die Zukunft blicken, was bewegt Sie persönlich am meisten?

Sicherlich das Zukunftsszenario: Weltuntergang, Flüchtlingskrise, Corona und dann wartet da noch die Klimakrise … Es nervt mich, dass alte weiße Männer mit Bärten – die am wenigsten Zukunft vor sich haben – die Propheten der Zeit sind. Meine Generation hat das größte Investmentin die Zukunft. Zu denken, dass Zukunft in der Fortführung der Vergangenheit besteht, ist schlicht zu einfach. Wir müssen lernen, mit Ambivalenzen umzugehen. Ohne eine gemeinsame Zukunftsvision, hinter der sich alle Altersgruppen vereinen, wird das allerdings nichts. Wir müssen eine gemeinsame Realität finden. Auch wenn die Tendenz zur Nostalgie, in der die Vergangenheit hochstilisiert wird, sich psychologisch erklären lässt. Einfach, weil Menschen ihre Traumata durch eine selektive Wahrnehmung verarbeiten. Doch ein Ziel muss es sein, positive Veränderungen unserer überschleunigten Zeit hervorzuheben, die Gegenwart empathisch wahrzunehmen und zu zeigen, wohin die Reise geht, seien es Arbeit, Umwelt, Wohnen, Einkommen oder Digitalisierung. Themen, entlang derer sich der Generationenkonflikt abbildet. Wir müssen lernen, besser zu streiten, um gemeinsam nach vorn zu schauen. Vielleicht hilft uns die Pandemie ein wenig bei dem Wandel. Denn der ist möglich, wenn wir als Gesellschaft über Generationengrenzen hinweg kooperieren und uns solidarisieren. Gesellschaften sind fluider, als wir glauben. Fridays for Future hat den Anfang gemacht. Das wahre Zeitalter der Rebellion, vielleicht sogar Revolution, beginnt zum Glück erst jetzt.

Gibt es Zukunftstrends für verschiedene Generationen und wie unterscheiden sie sich?

Jede Generation hat ihre Rebellion. Das sagt über den Ist-Zustand allerdings wenig aus. Die 68er, die Babyboomer, sind die Wegbereiter soziokultureller Veränderungen. Sie haben gegen konservative Strukturen in Familie und Politik aufbegehrt. Sie brachten uns das Zeitalterder Individualisierung, daher auch die Bezeichnung Me-Generation. Das machte es der Gen X schon schwerer zu rebellieren. In der Generation Y führten die zunehmende Arbeits- und Perspektivlosigkeit, die Finanzkrise und damit eine zunehmende soziale und wirtschaftliche Ungerechtigkeit zur Protestbewegung Occupy Wall Street, während die Gen Z den Diskurs zum Thema Nachhaltigkeit losgetreten und Bewegungen wie Fridays for Future auf den Weg gebracht hat oder gegen Rassismus mit Black Lives Matter Flagge zeigt. Das Schöne an Fridays for Future: Sie haben nicht gegen, sondern für etwas rebelliert: die Zukunft. Aber, wie gesagt: Jede Generation hat ein Anrecht auf Rebellion. Zugrunde liegen ähnliche Motive und Muster. Und auch eins ist immer gleich: Die Älteren regen sich über die Jüngeren auf. Aber so gespalten, wie wir es uns einreden, ist unsere Gesellschaft eigentlich gar nicht. Denn wir haben fast alles durch: Rasse, Geschlecht, Kultur, Sexualität – all unsere vermeintlich trennenden Eigenschaften.

Tristan Horx, Kultur- und Sozialanthropologe, Jahrgang 1993,
betreibt Zukunftsforschung aus Sicht der Jugend. Digitalisierung,
Lifestyle, Globalisierung und Generationenwandel sind seine
Themen, auch die seines Podcasts „Treffpunkt Zukunft“.

Die Schnittmenge der Klimaleugner von früher und der Impfgegner von heute dürfte vermutlich groß sein. Gemeinsame Unterschiede machen uns stark. Das Paradox der Toleranz ist nämlich, um Karl Popper zu zitieren, dass uneingeschränkte Toleranz mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz führt. Denn wenn wir die unbeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen. Darin steckt das Dilemma.

Welche Megatrends haben sich über Generationen verändert oder nicht erfüllt?

Tristan Horx: New Work – und zwar über die letzten zwei Generationen. Erst die Corona-Krise hat dafür gesorgt, dass Homeoffice, Remote Working und flexible Arbeitszeiten nun endlich in der Firmenkultur angekommen sind. Die Generation Corona wächst in einer Welt auf, in der Digitalität, Homeoffice und Telekommunikation endlich auch kulturell angekommen sind. Ökologie ist und bleibt ein Trendthema. Gender und Female Shift – auch das läuft über alle jetzt relevanten Generationen. So wie die Digitalisierung. Es sind alle betroffen. Ebenso wie von der Globalisierung, auch wenn es einen Trend zur Regionalisierung gibt. Damit ist aber kein Neonationalismus gemeint, sondern Regionalität im Zusammenspiel mit Ökologie. Auch in Richtung Gesundheit – sie wurde früher als Abwesenheit von Krankheit definiert – hat sich einiges getan. Themen wie mentale Gesundheit werden vorangetrieben. In der Hoffnung, dass eine Entstigmatisierung stattfindet. Die Welt wird stetig besser – allerdings ist endloses Wachstum zum Selbstzweck nicht länger denkbar. Die Verteilung des Wohlstands wird ein massives Thema werden.

Verändert sich die Zukunftsforschung von Generation zu Generation?

Es geht mir darum zu verstehen, wie wir als Individuen Zukunft kreieren. Wie man Trends analysiert, ist simples Handwerk. Heute stehen uns viele technische Simulationen zur Verfügung, aber ich bin – schon durch mein Studium – eher humanistisch aufgestellt. Die Stammeswelten verschwinden nicht, auch nicht durch 20 Jahre Smartphone.

Wie unterscheidet sich die heutige Prognostik zur Futurologie von früher?

Es ist die Königsdisziplin. Zukunftsforschung hat viele Facetten. Wir sind Generalisten aus allen möglichen Bereichen, wie Technologie, Soziologie und Gesellschaft. Aus der rein technologischen Perspektive sähe Zukunft so aus: graue Städte, fliegende Autos. Doch man muss gesellschaftliche Veränderungen mitdenken, wenn es um die Welt der Zukunft geht. Die Schnittstelle von Gesellschaft, Technologie und Individuen ist ein Schrittmacher dafür, wie wir Zukunft kreieren. Das hat Konsequenzen für die Gesellschaft. Unsere Hirne sind Zukunftsmaschinen – dabei ist die Evolution der größte Vorteil, den wir haben. Biologie, besonders die Evolutionstheorie, war mein absolutes Lieblingsfach. Evolutionäres Denken habe ich verinnerlicht. Das Faszinierende: Man erkennt Muster. Denn ganz im Ernst: Künstliche Intelligenz ist nichts anderes als Mustererkennung auf Crack!

„Unsere Fucking Zukunft“ lautet der Titel Ihres Buches …

Ja, es scheint zu funktionieren, wenn man böse Wörter draufschreibt. Eigentlich mag ich Schreiben gar nicht, aber Druck und Drang waren da. Angesichts des Generationenkonflikts ist mir der Kragen geplatzt. Die Alten sind so patriarchalisch. Rebellion tut gut und ist für mich ein konstruktiver Diskurs, bei dem man innerhalb eines Systems nach Veränderungen sucht und nicht in degenerative Muster verfällt. Auf die Straße zu gehen und für seine Meinung und Überzeugung zu demonstrieren, ist richtig. Mein Buch ist ein Friedensangebot, eine Generationenanalyse, die Generationenverträge beleuchtet, kalte und ambivalente Wahrheiten beschert. Aber die Generation Z hat mit Fridays for Future bereits gezeigt: Wir sind konsensfähig. Nachdem Junge angefangen haben, auf die Straße zu gehen, haben sich inzwischen auch Ältere angeschlossen.

BUCHTIPP

Tristan Horx
Unsere Fucking Zukunft
Quadriga Verlag, 16,90 €

Fridays for Future, Black Lives Matter und Occupy Wall Street waren nur der Anfang, das Zeitalter neuer Generationenverträge beginnt jetzt! Die Coronakrise hat diesen im Hintergrund schlummernden Konflikt endlich in den Vordergrund gerückt. Tristan Horx untersucht, ob unsere Generationenbilder nach wie vor zutreffen. Sind wir noch in Altersschubladen einzuordnen? Wie können wir das Netz nutzen, um zusammen eine Zukunft aufzubauen, die nicht auf Abgrenzung und Spaltung basiert? Ein Blick in die Welt von morgen – frech und verständlich.