Einfach draufhalten und los. So sieht Fotografieren im Smartphone-Zeitalter aus, wenn jeder Laie Tausende Bilder auf der Speicherkarte hat. Für Matthias Jung ist das keine Option. „Vor dem Motiv muss ich ein Motiv haben“, so der Fotograf. Was er damit meint? „Fotografieren ist für mich ein Prozess, an dessen Anfang ein Beweggrund steht, warum ich
überhaupt rausgehe und ein bestimmtes Motiv in einer bestimmten Ästhetik fotografiere. Das gilt natürlich
besonders für den Kunstbereich, wenn es um freie Projekte geht.“
Autorin: Stefanie Gomoll
Manchmal scheint das Motiv ganz eindeutig: So wie beim Auftrag von Bockermann Fritze, Fotos für die Emscherstory zu machen. Aber auch hier ist Matthias Jung nicht einfach losgezogen, sondern hat sich Gedanken gemacht. Welche Aspekte interessieren ihn besonders? Die Emscher als Biotop, die Technik, die hinter der Renaturierung steckt, oder die Menschen, die hier leben? In der Auseinandersetzung damit, was und wie genau er etwas zeigen möchte, wird sein journalistischer Hintergrund spürbar. Matthias Jungs Einstieg in den Beruf begann bei der Lokalredaktion der NW in Enger als freier Fotograf. Zu Beginn seiner Laufbahn, ganz am Ende der 90er, war er übrigens auch der erste Fotograf, der professionelle Fotos für Bockermann Fritze gemacht hat.
Während des Zivildienstes hat der gebürtige Herforder dann Mappen für Bewerbungen vorbereitet und erste Langzeitprojekte begonnen, etwa über tamilische Flüchtlinge in Deutschland. „Der Journalismus und der Dokumentarbereich beinhalten viele verschiedene Elemente der Fotografie, von Porträt und Landschaft bis zu Architektur“, unterstreicht der Fotograf. „Während des Studiums habe ich eher Reportagen gemacht. Ich habe gemerkt, das liegt mir: Rausgehen zu einer Demo, schnell die Situation erfassen und das Ganze in eine Form bringen.“ Die ersten Jobs waren dann jedoch oft Porträts. Auch die macht er sehr gerne. „Welches Bild haben die Menschen von sich im Kopf, welches Bild habe ich von ihnen und wie nähere ich mich an? Das finde ich spannend.“
Seine aktuelle Annäherung an die Emscher ist übrigens eine Wiederbegegnung. „Vor 25 Jahren, als die Zechen noch aktiv waren, habe ich eine Weile in Gelsenkirchen gelebt. Die Emscher war für mich der betonierte, abgezäunte Kanal, den man nicht sah, aber roch. Ein trauriger, von der Industrie vereinnahmter Kloakenbach.“ Umso gespannter war Matthias Jung darauf, die Emscher jetzt neu kennenzulernen. Zumal das Thema eng an den Veränderungsprozess im Rheinischen Braunkohlerevier andockt, den er schon seit vielen Jahren fotografisch begleitet. „Bei der Recherche habe ich schon gesehen, dass sie teilweise zum Naturidyll geworden ist, aber auch der technische Aspekt ist interessant. Was bedeutet Wasserwirtschaft genau, welche hochkomplexe Technik steckt dahinter? Das Schöne an meinem Beruf ist ja“, resümiert der Fotograf, „dass ich überall reinschnuppern kann und immer wieder Einblicke und Einsichten in Themen bekomme, die sonst nur Fachkreisen vorbehalten sind. Das empfinde ich als Privileg.“
Verlag Kettler, 148 Seiten, 42 Euro.
Seit über zehn Jahren reist der Fotograf immer wieder in das Rheinische Braunkohlerevier. Mit seiner Kamera hat er dabei nicht nur die dystopische Neuformierung der Landschaft dokumentiert, sondern vor allem die Menschen und Schicksale dahinter: Umweltaktivisten und Waldbesetzer, die Rheinische Kartoffelkönigin und einen Bürgerbeirat. Den zahlreichen Porträts stellt Jung Aufnahmen von Objekten zur Seite, die wie die Menschen in ein neues Zuhause umziehen mussten. Wie archäologische Fundstücke erzählen sie von einem Leben, das droht, in Vergessenheit zu geraten. Eine fotografische Langzeitstudie über das Rheinische Braunkohlerevier ‒ eine ergreifende Erzählung über Heimat und Verlust.
Matthias Jung. Geboren 1967 in Herford. Studium Kommunikationsdesign an der Universität/GHS Essen (Folkwang) von 1988 bis 1994. Arbeiten für Theater, Opernhäuser, Zeitschriften, Verbände und Unternehmen. Seit ca. 2010 regelmäßige Ausstellungstätigkeit und Beschäftigung mit fotografischen Langzeitprojekten. Zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen. Neben vielen weiteren u. a. im Landtag NRW, den Hamburger Deichtorhallen und bei der Royal Geographical Society London. Mitglied der Fotografenagentur „laif“, der „Deutschen Fotografischen Akademie“ (DFA) und der „Deutschen Gesellschaft für Photographie“ (DGPh). Matthias Jung lebt in Erftstadt-Lechenich in der Nähe von Köln.
Die Faszination für die Fotografie geht auf die Kindheit zurück. Seine erste Kamera: die Voigtländer seines Vaters. „Man musste Entfernung und Belichtung schätzen“, erinnert sich Matthias Jung, „aber diese rudimentäre Kamera hat mir die Technik schnell und bildlich erklärt.“ Das hat den damals Zehnjährigen ebenso begeistert wie die Möglichkeit, Erinnerungen festzuhalten.
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