Beim Festakt zum Abschluss des Renaturierungs-Projekts am 1.9.22 würdigte Bundeskanzler Scholz den Emscher-Umbau als „eines der größten und innovativsten Infrastrukturvorhaben in Europa überhaupt“ und als „großartigen Beleg für deutsche Ingenieurskunst“. Die Mammutaufgabe, die sich über 30 Jahre hinzog, ist auch für die Bockermann Fritze IngenieurConsult etwas ganz Besonderes. Seit der Beteiligung an dem Renommierprojekt der federführenden Emschergenossenschaft spielt das Ingenieurunternehmen in der ersten Liga der wasserwirtschaftlichen Büros in Deutschland.
Autorin: Stefanie Gomoll
Marc Barnhöfer lehnt sich entspannt zurück: „Durch diese Referenz haben wir zahlreiche weitere Aufträge bekommen und wir haben in unseren verschiedenen Geschäftsbereichen so viel dazu gelernt, das kann uns niemand mehr nehmen“, unterstreicht der Projektleiter für das Emscherprojekt bei Bockermann Fritze. Wer hätte gedacht, dass aus Enger wesentliche Planungsleistungen für das vielleicht größte wasserwirtschaftliche Projekt Europas erbracht werden. Bereits während seines Studiums hatte der Diplom-Bauingenieur den Emscher-Umbau auf dem Schirm. „Meine Professorin hat Anfang der 2000er Jahre gesagt, das ist das Wasserwirtschaftsprojekt der letzten und der nächsten 25 Jahre. Daran mitgewirkt zu haben, macht schon stolz. So ein großes Projekt wird mir in meinem Berufsleben vermutlich nicht mehr begegnen.“
Wahrscheinlich auch keines, welches das Leben der Menschen vor Ort ähnlich stark verändert. Schließlich wurde die Emscher 150 Jahre lang als offener, oberirdischer Schmutzwasserlauf des Ruhrgebietes gebraucht.
Mit anderen Worten: eine oftmals stinkende Abwasserautobahn. So kannte auch Stefan Veen den Fluss. „Ich bin ein Emscher-Kind“, sagt der Diplom-Bauingenieur, der seit 2016 bei Bockermann Fritze am Emscherprojekt mitarbeitet, um zusammen mit seinem Kollegen Mark Breidenbach und dem Team der Bauüberwachung die Abwicklung und Koordination der von BFI betreuten Baulose zu steuern. Der lockere Tonfall während des Gesprächs macht klar, wie sehr das Team nicht nur an seinen Aufgaben, sondern auch zusammengewachsen ist. „Es ist ein richtiges Emscher-Team entstanden, ein Kern, der eng zusammengearbeitet hat“, bestätigt Stefan Veen. „Wir mussten immer wieder neu planen, spontan reagieren und haben so in dem frühen Projektstadium die eine oder andere Nacht durchgearbeitet. Das hat sehr zusammengeschweißt.“ Begonnen hat das Projekt bei der Emschergenossenschaft bereits 1992. Das Ziel: Die Renaturierung des Gewässers und Errichtung eines unterirdischen Abwassersystems. Vier Großkläranlagen, Pumpwerke, Abwasseranlagen sowie mehr als 430 km neue, tief unter der Erde verlegte Abwasserkanäle sind seitdem entstanden. Auch mit Hilfe von Bockermann Fritze IngenieurConsult, die seit 2004 dabei ist - verantwortlich für die Planungsleistungen im Bereich Bottrop, wo sieben Nebeneinzugsgebiete auf einem Streckenabschnitt von rund vier Kilometern an den Abwasserkanal Emscher (AKE) angeschlossen werden mussten. Denn die zukünftige Ableitung des Schmutzwassers durch unterirdische Kanäle betrifft nicht nur den Hauptlauf der Emscher, sondern auch das weit verzweigte Netz im gesamten 865 Quadratkilometer großen Einzugsgebiet.
Eine Aufgabe wie ein Hindernislauf. „Eine Schwierigkeit war, dass wir teils sehr große Rohrdurchmesser und Bauwerke planen mussten“, erläutert Stefan Veen. „Aber im Ruhrgebiet liegen überall schon Versorgungsleitungen. Daran vorbeizubauen oder diese zu verlegen, erfordert viele Abstimmungen mit den unterschiedlichen projektbeteiligten Netzbetreibern.“ Ebenfalls eine Herausforderung: Im Laufe der Jahre haben sich immer wieder die gesetzlichen Bestimmungen verschärft, zum Beispiel in Bezug auf die landschaftspflegerische Begleitplanung und den Artenschutz. Habitate für schützenswerte Vögel oder Fledermäuse mussten berücksichtigt und die durch Bauwerke verbrauchten Flächen an anderer Stelle kompensiert werden.
„Ein weiteres Thema sind Kampfmittel“, ergänzt Marc Barnhöfer. „Das ganze Ruhrgebiet ist ein einziges Kampfmittelverdachtsgebiet.“ Durch die Industriegeschichte des Ruhrgebiets sind Grundwasser und Boden zudem teilweise durch Öl und Reststoffe aus der chemischen Industrie kontaminiert. Neben Altlasten gab es aber auch andere überraschende Funde, etwa einen Mammutzahn, der jetzt im Haus der Emschergenossenschaft ausgestellt wird.
Auch das Grundwasser stellte das Team immer wieder vor Probleme. „Durch den Bergbau steht es in manchen Gebieten sehr hoch an, bis fast zur Geländeoberfläche“, weiß Stefan Veen. „Für die tiefen Baugruben mussten wir den Grundwasserspiegel oft künstlich absenken. Das machte sehr komplexe Abstimmungen erforderlich.“ Ganz offensichtlich handelt es sich bei dem Emscher-Umbau nicht nur um ein Meisterwerk der Ingenieurskunst, sondern auch der Kommunikation. „Baustellen sind ein bisschen wie Kinder“, resümiert Stefan Veen. „Man zieht sie groß, begleitet sie über eine lange Zeit und am Ende will man wissen, dass alles gut ist.“ Ist es, wie jeder merkt, der heute entlang der Emscher radelt oder spazieren geht: kein Gestank, aber dafür jede Menge sauberes Wasser. Während in OWL üblicherweise nur Regenwasser in die oberirdischen Gewässer eingeleitet wird, war die Emscher etwa 150 Jahre lang eine Abwasserautobahn, die auch das häusliche und gewerbliche Schmutzwasser aufnahm. Der ganze Gewässerstrang wurde erst kurz vor der Einmündung in den Rhein in einer großen Kläranlage gereinigt. „Ein offener Abwasserfluss mitten durchs Wohngebiet“, so Stefan Veen. „Das ist historisch gewachsen und für die Menschen im Revier Normalität.“
Eine, die mit der Industrialisierung beginnt. 1873 gibt es bereits mehr als 250 Zechen, der Bergbau erreicht die Emscher. Bergarbeitersiedlungen entstehen, Industrie und Menschen verbrauchen Wasser und erzeugen Abwasser. Die Emscher wird begradigt und als Abwasserkanal ausgebaut. Die 1899 eigens gegründete Emschergenossenschaft organisiert die Abwasserableitung über den Fluss zum Rhein. Industrielles und häusliches Abwasser sowie das Niederschlagswasser wird ungeklärt über das Gewässer geleitet. Doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts tritt die „Köttelbecke“ immer häufiger über die Ufer und verteilt die Schmutzfracht über die Überschwemmungsgebiete. „Durch den Bergbau hat sich die Landschaft gesenkt. Deshalb war es nicht immer möglich, Abwasserkanäle zu bauen, die natürlich flossen“, erklärt Stefan Veen. „Man musste pumpen und die Emscher deshalb komplett eindeichen. Alle Gebiete drum herum lagen tiefer, das ist einmalig.“ „Man hat dem Fluss quasi ein Korsett angelegt“, ergänzt Marc Barnhöfer, „und dadurch eine große Fließgeschwindigkeit erreicht. Man wollte das Wasser schnell wegbringen.“
1991 beginnen bei der Emschergenossenschaft die Planungen für den Emscher-Umbau. Der kanalisierte Abwasserfluss Emscher und seine Nebenarme sollen vollständig umgebaut werden. Ein neuer Abwasserkanal, der AKE, soll das Schmutzwasser und das klärpflichtige Regenwasser in großer Tiefe ableiten. Das saubere Regenwasser soll oberirdisch in der renaturierten Emscher zum Rhein fließen. Seit Ende 2021 ist die Emscher sauber.
Nach dem Umbau ist vor dem Umbau. Mit der Abwasserfreiheit ist zwar bereits ein großer Schritt erreicht, aber in den nächsten Jahren stehen weitere Renaturierungsmaßnahmen bevor. Das Ziel der Emschergenossenschaft: Die Emscher soll erlebbar werden – als Naherholungsgebiet mit Aufenthaltsqualität und vielfältigen Freizeitangeboten. Unter dem Motto „Mach mit am Fluss!“ entstehen im gesamten Emscher- und übrigens auch im Lippe-Einzugsgebiet spannende Orte, die dazu einladen, aktiv unterwegs zu sein. Bereits jetzt gibt es entlang der Emscher einiges zu entdecken. Für Natur- und Kulturliebhaber, große Freizeitradler und kleine Forscher. So können Kinder etwa gleich an mehreren Orten in Bienengärten oder im „Blauen Klassenzimmer“ aktiv werden. Oft genug lassen sich verschiedenste Interessen locker miteinander verbinden, denn nahezu jeder Flusskilometer bietet neue Attraktionen. Wer etwa, zu Fuß oder mit dem Rad, auf dem 100 km langen Emscher-Weg von der Quelle bis zur Mündung in den Rhein unterwegs ist, findet entlang der Strecke Industriebrachen und historische Parks ebenso wie wassertechnische Anlagen, begehbare Halden und Installationen des Emscherkunstweges.
www.eglv.de/machmitamfluss/
Zufluss zur Emscher, der Borbecker Mühlenbach bei Essen.
Der Bernepark, ein ehemaliges Klärwerk als Industriedenkmal.
Halde Haniel, Installation "Totem" des spanischen Künstlers
Augustin Ibarola