Die Flutkatastrophe im Ahrtal hat viele Menschen für die Gefahr durch Hochwasser und Überschwemmungen sensibilisiert. In diesem Zusammenhang ist immer wieder von „Starkregen“ die Rede. Was damit genau gemeint ist und wie sich die Menschen davor schützen können, erklärt Michael Kamphans, Projektleiter bei
Bockermann Fritze IngenieurConsult.
Autorin: Stefanie Gomoll
Bei durchschnittlichen Regenmengen ist die Kanalisation darauf ausgelegt, die Wassermassen zu beherrschen. Bei Starkregen kann es passieren, dass sich das Niederschlagswasser seinen Weg unkontrolliert an der Oberfläche sucht, weil die Regenmengen die Kapazität der Kanalisation übersteigen“, so der Umweltingenieur. Das ist zwar kein neues Phänomen, aber Statistiken zeigen, dass die Häufigkeit signifikant zugenommen hat. Die Abstände zwischen den Starkregenereignissen werden kürzer und es sind mehr Menschen betroffen.
Eine besondere Schwierigkeit besteht darin, dass sich Starkregenereignisse im Voraus kaum exakt lokalisieren lassen. Starkregenereignisse häufen sich in den Sommermonaten, oft in Verbindung mit Gewittern und Platzregen. Hohe Niederschlagsmengen rauschen in kürzester Zeit auf lokal begrenzten Raum nieder. „Wo und wann genau, ist dadurch schwer vorherzusagen“, so Michael Kamphans. „Der Wetterbericht kann oft nur warnen, dass das Potenzial für Starkregen da ist.“ Hierin besteht auch ein wesentlicher Unterschied zu Flusshochwässern. Ein klassisches Flusshochwasser baut sich während langer Regenzeiten oder durch die Schneeschmelze auf. Der Pegel steigt meistens eher allmählich und die Gefahrenzone liegt entlang des Flusslaufs. Meist sind gleich ganze Regionen von den Überschwemmungen eines Flusshochwassers betroffen.
Menschen, die an Flüssen leben, sind sich dieser potenziellen Gefahr jedoch seit Jahrhunderten bewusst. Im Unterschied hierzu erstreckt sich die Ausdehnung von Starkregenereignissen teilweise nur auf einzelne Stadtteile und die Schäden können sich auf einzelne Straßenzüge beschränken, wo sich das Wasser ungünstig sammelt. Bei viel landwirtschaftlich genutzter Fläche besteht zudem die Gefahr von Schlammerosion. Dann haben die Betroffenen nicht nur Regenwasser im Keller, das sich abpumpen lässt, sondern die Beseitigung wird problematischer.
Zwar sind hochgradig versiegelte Innenstädte und Siedlungsbereiche in Senkenlagen besonders betroffen, aber grundsätzlich können die Sturzfluten jeden treffen. Deshalb wünscht sich der Umweltingenieur einen bewussteren Umgang in Bezug auf die Risikokommunikation. „Nehmen wir zum Vergleich die Beaufort-Skala. Sie dient der verbalen Kategorisierung von Windstärken. Jeder hat ein Gefühl für den Unterschied zwischen einer Brise, einem Sturm oder einem Orkan, ohne die Windgeschwindigkeiten im Detail zu kennen. Daher gibt es analog zur Beaufort-Skala inzwischen den sogenannten Starkregenindex. Dahinter verbergen sich Niederschlagshöhen und statistische Wiederkehrzeiten, die eine allgemein verständliche Verbalisierung erhalten und zudem, durch Piktogramme unterstützt, die potenzielle Gefährdung beschreiben sollen. Auf Dauer kann so auch ein Verständnis für Starkregenmeldungen bei Laien aufgebaut werden.“
Was es bereits gibt, sind Starkregen-Hinweiskarten für ganz NRW. Sie simulieren Starkregenereignisse, stellen maximale Wasserstände und Fließgeschwindigkeiten dar. Hier können sich alle Interessierten informieren, wie gefährdet ihre Wohnlage ist.
www.geoportal.de
Informationsvorsorge: Aufklären, informieren, sensibilisieren. Was sind potenzielle Mängel des Objektschutzes, wo ist die Gefahr etwa aufgrund der Topografie besonders groß und welche Maßnahmen lassen sich kurzfristig umsetzen. Die konkrete Aufgabe von Beschäftigten im Bereich Natur- und Ingenieurwissenschaften – und somit natürlich auch bei Bockermann Fritze IngenieurConsult – besteht darin, diese Gefahr zu berechnen und auf Starkregenkarten darzustellen.
Flächenvorsorge: Bei Bebauungs- und Flächennutzungsplänen das Thema „Wasser“ verstärkt in den Fokus nehmen. Architekturschaffenden Vorgaben mit auf den Weg geben, etwa in Bezug auf Gebäudesockel oder Rückstausicherung. Bei der Straßen- und Grünflächenplanung frühzeitig überlegen, wohin das Wasser geleitet wird: nicht auf Gebäude zu, sondern auf Grünflächen, die Starkregen schadlos speichern können. „Nicht überall sind ausreichend Freiflächen vorhanden, besonders im urbanen Raum brauchen wir mehr multifunktionale Flächen. Das sind Flächen, die temporär bei einem Starkregenereignis Regenwasser schadlos zwischenspeichern können, ohne mit anderen Flächennutzungsinteressen zu kollidieren“, fordert Michael Kamphans. „Wir müssen kreativer und mutiger werden. Die Niederländer sind beim Stichwort ‚wassersensible Infrastruktur‘ ein gutes Vorbild.“
Bauliche Vorsorge: Alles, was konkret mit baulichen Maßnahmen zum Schutz beiträgt. Zum Beispiel kleinen Gewässern mehr Platz geben, damit sie sich ausbreiten können. Dezentrale Rückhaltung, großräumige Retentionsflächen, Überflutungsschutzmaßnahmen, aber auch ganz konkreter Objektschutz im öffentlichen Raum. Allesamt Aufgaben der kommunalen Verwaltungen. Allerdings müssen sich auch Privatleute im Sinne der allgemeinen Sorgfaltspflicht schützen. Viele Gefahren lassen sich auf privaten Grundstücken durch die Außenanlagengestaltung bereits deutlich reduzieren. Unter Umständen bleibt einigen Menschen aber nichts anderes übrig, als Sandsäcke oder andere mobile Überflutungsschutzsysteme wie Dammbalken im Keller zu lagern oder die Nutzung von Räumen zu überdenken.
Krisenmanagement: Feuerwehr, Verwaltung, THW sollten frühzeitig Krisenpläne entwickeln und sich austauschen, wie sie im Ernstfall reagieren.